Vom Mittelalter bis in die heutige Zeit.


3. Kapitel

Der Erwerb, die Lebensweise, das Auftreten,
der Inhalt des Rucksacks und das Tagebuch.


Wer sich Adolf Seefeldt zum Zeitpunkt seiner Entlassung aus der letzten Strafhaft betrachtet, gewinnt unweigerlich den Eindruck, daß sich dieser Mensch seitdem, resultierend aus den langen Gefängnisstrafen und den langen Aufenthalten in den Irrenanstalten der Vergangenheit, total gewandelt hat. Denn bereits kurz nach dem Haftende besorgt sich Seefeldt Mechanikerwerkzeug. Er will sein Vorhaben umsetzen und sich seinen Lebensunterhalt in Zukunft als Uhrmacher verdienen.

Ab 1927 beginnt er, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Er zieht kreuz und quer durch das Gebiet, was ihn immer schon begeistert hat - durch Norddeutschland. Er wandert von Ort zu Ort, aber vorwiegend durch kleinere Ortschaften und Dörfer. Hier kann er sich eher Aufträge für Uhrenreparaturen beschaffen und die Verdienstmöglichkeiten waren auch wesentlich höher. Auch sein kleiner Uhrenhandel floriert hier besser.

Mittlerweile hatte er sich einen stabilen Rucksack zugelegt, in dem er seine Wäsche und die übrigen Sachen des täglichen Bedarfs transportiert. Für die Aufbewahrung seines Feinmechaniker-Werkzeuges benutzte er eine dunkelgrüne große Blechtrommel.
Erst als er später in den Besitz einer Bohrmaschine kommt, ersetzte er die Blechtrommel durch schwarzes Wachstuch, das er mit Riemen sichert. Darin sind nun seine gesamten Gerätschaften eingewickelt, die er beim Wandern als Päckchen in der Hand trägt.
Wenn er sich längere Zeit in einer Gegend aufhielt und der Schlepperei überdrüssig war, versteckte er sein Werkzeugpäckchen einfach irgendwo in einer Schonung. Dabei ging er aber so gründlich und akkurat vor, daß er, wenn er sich die Stelle durch Einkerbungen in den Bäumen sowie anderweitige Hinweise und Markierungen nicht gut gekennzeichnet hätte, er diesen Aufbewahrungsort, den er hauptsächlich unter Moos und Zweigen anlegte, selbst nicht mehr wiedergefunden hätte. Mit dererlei Erzählungen rühmte er sich selber oft bei der Kundschaft, daß: “... ein Förster, würde er die Stelle nur ½ Stunde nach dem Versteckten begutachten, nichts finden würde."
So wanderte Seefeldt über Land. Er bevorzugte kleinere Städte, aber vor allem Dörfer und überall, wo er hinkam, fand er Menschen, welche ihm ihre defekten Uhren zum Reparieren gaben. Er hatte sich eine gewisse Geschicklichkeit angeeignet, welche die Kundschaft zu schätzen wußte, und da seine Uhrenreparaturen sehr preiswert waren, um nicht zu sagen „spottbillig“, konnte er bald auf einen festen Kundenstamm verweisen. Natürlich stufte Seefeldt seine Entlohnung auch etwas nach den wirtschaftlichen Verhältnissen des jeweiligen Kunden ab. So kam es auch vor, daß er bei ganz armen Leuten die defekten Uhren gratis reparierte.
Oft wollte er gar keine Bezahlung, sondern es reichte ihm schon die Beköstigung oder die nächtliche Unterkunft.
Im Laufe der Zeit wurde Adolf Seefeldt immer bekannter und überall gern gesehen, zumal er immer tolle Geschichten zu erzählen wußte. Dies ergab er meist zum Besten, während er in den Wohnräumen seiner Kunden Uhren reparierte. Die Kinder spielten zu seinen Füßen um ihn herum, oder schauten ihm zu und hielten „Maulaffen“ feil.



Die Alten lauschten währenddessen aufmerksam seinen Geschichten. So verging die Zeit und Seefeldt durchwanderte nicht nur Mecklenburg-Lübeck und den nördlichen Teil der Provinz Brandenburg, sondern er kam auch nach Mitteldeutschland, Süddeutschland und Westdeutschland bis in die Aachener Gegend.


Die Lebensweise und das Auftreten des Adolf Seefeldt.

Bei seinen Wanderungen über Land mußte Seefeldt nur ab und zu auf die nächtliche Unterkunft in einer Gastwirtschaft oder Herberge zurückgreifen, da er diesbezüglich ja meist von seiner Kundschaft versorgt wurde, besser gesagt, sich versorgen ließ.
Aber es gab auch Zeiten, in denen er sehr wenige, teilweise gar keine Aufträge erhielt. Dann war er wieder aufs Betteln angewiesen. Hierbei ließ er nun immer eine gewisse Vorsicht walten, denn betteln war strengstens verboten. Schließlich hatte man ihn bereits mehrfach dabei ertappt und deswegen eingelocht.
Diese auftragslosen Phasen waren ohnehin meist nur von kurzer Dauer, denn schon ein oder mehrere Dörfer weiter nahm man seine Reparaturdienste gern in Anspruch. Er verstand es ja auch hervorragend sich bei Menschen interessant darzustellen, schließlich war er zu allen freundlich und für jeden hat er ein nettes Wort übrig. Der „kauzige Alte" war, so würde man heute sagen, „allgemein beliebt“ und immer …ganz besonders nett zu Kindern. Für sie war Seefeldt nur der gute, alte Onkel, den man allerorts nur „Onkel Adi" oder „Onkel Tick, tack" nannte.
Der umherwandernde Uhrmacher Adolf Seefeldt stand nie unter Zeitdruck und so blieb er in den meisten Fällen noch etwas bei seinen Auftraggebern sitzen. Er tat dann das, was er besonders gut konnte - erzählen, während die Erwachsenen Dörfler ihm gespannt lauschten.
Je nach Situation beeindruckte er mit humorvollen oder ernsten Geschichten, aber auch über okkulte Dinge, Spiritismus, Tischrücken, Karten legen, Hypnose, Suggestion und Telepathie wußte er zu berichten.
Besondere Aufmerksamkeit wird ihm zuteil, wenn er beginnt, über Gifte zu schwadronieren, denn damit kenne er sich bestens aus, rühmte er sich meistens.
Wenn sich Seefeldt aber erst einmal in Euphorie geredet hat, dauerte es auch gar nicht mehr lange und er verdreht Wunsch und Wirklichkeit. Dann fängt er an zu spinnen. In den Akten heißt es dazu: „So will er durch seine übersinnlichen Kräfte Geister erscheinen lassen können, einen jungen Menschen an seinen Platz gebannt und einen älteren Mann nur durch Blicke gezwungen haben, ihn einen Tag lang zu begleiten und am nächsten Tag wieder an einem bestimmten Treffpunkt zu erscheinen. Vieh will er gesund und krankmachen können. Dabei gebraucht er allerlei Zauber- und Beschwörungsformeln, die dem 7 x 7 versiegelten 6. und 7. Buch Moses entnommen sind, sowie die Bibelsprüche."
Sicherlich hat er mit derlei Spinnereien bei einigen Zuhörern Erstaunen und Bewunderung hervorgerufen, aber der größte Teil schenkte ihm keinen Glauben und wird ihn innerlich nur belächelt haben.
Was Seefeldt aber besonders gut verstand, ist, bei Menschen Mitleid mit seiner Person zu wecken. Darin war er ein großer Meister. Er wußte immer, wie er aus diesem Mitleid Vorteile für sich ziehen konnte.
Aber lassen wir noch einmal die Akten sprechen: „So schwindelt er den Leuten vor, er stamme aus guter Familie, habe eine glückliche und frohe Jugend verlebt, sei glücklich verheiratet gewesen, habe etwa 1920 seiner Frau, mit der er in bester Ehe gelebt habe, durch den Tod verloren. In Hamburg habe er ein gut gehendes Uhrengeschäft bis zur Inflation betrieben, deren Opfer, wie viele andere Volksgenossen auch, er geworden sei. Jetzt müsse er als alter Mann noch durch das Land wandern, um mühsam ein kärgliches Leben fristen zu können. Das Schicksal fasse ihn hart an. Oft habe er kein Dach über dem Haupt und müsse die Nacht im Freien verbringen, ohne einschlafen zu können, wenn der Frost ihn peinige. Öfters empfinde er einen Hass gegen die Menschen, die ihm aber auch nicht helfen könnten, sein schweres Los zu tragen. Es käme ihm dann immer der Gedanke - weg von hier."
Viele Hinweise deuten beim Studium der Akten darauf hin, daß Adolf Seefeldt kein gläubiger Mensch gewesen war, aber so tat. Auf Gottes Namen berief er sich bei jeder Gelegenheit. An seine Kundschaft, an Kinder und deren Eltern schreibt er oft Briefe und Karten mit religiösem Inhalt.
Obwohl man Seefeldt schon als recht „eigenartige Erscheinung“ betrachten kann, wurde er doch von seiner Kundschaft, die auch mehr oder weniger seine Gastgeber waren, mit Ernsthaftigkeit behandelt, zumal er immer höflich und bescheiden, sowie zurückhaltend augenfällig auftrat.
Man kannte ihn quasi nur als anständigen und völlig harmlosen Mitmenschen, der mit den einfachsten Lebensbedingungen zurechtkam und zufrieden war, trotz seines fortgeschrittenen Alters. Dafür erntete er überall Mitleid.
Aber das, was man sah, das war nicht der wahre Adolf Seefeldt, denn der war ein hervorragender Schauspieler, der niemanden hinter seine Maske, in sein wahres Gesicht blicken ließ. Keiner seiner Gastgeber ahnte je, daß er gerade, den zu dieser Zeit größten Jugendverführer oder sogar Mörder Deutschlands beherbergte. Seefeldt spielt die Rolle seines Lebens, die Rolle des Biedermanns, des frommen Menschen, der niemandem ein Leid zufügen konnte.
Keiner der Seefeldt kannte hatte ihm dererlei schwere Sexualverbrechen an Kindern zutraut. Niemand wußte von seinen vielen Aufenthalten in Strafanstalten und erst recht nichts von den Einweisungen in die Irrenanstalten. Deswegen hatte er auch stets vermieden, über seine Vergangenheit zu sprechen und wenn trotzdem ein Gespräch auf seine Vergangenheit Bezug nahm, wich er den Fragen aus, fing an zu lügen oder wechselte schlagartig das Thema. Eine Taktik, die ihn lange Zeit vor einer Entlarvung schützte.

Anderseits gab es auch einige Menschen, die sein Vorleben nur teilweise, oder sehr ungenau kannten und die er, als Ermittlungen gegen ihn liefen, so in seinen Bann zu ziehen verstand, daß diese letztendlich zu der Überzeugung gelangten: “Mit der Festnahme und den schweren Beschuldigungen wird Seefeldt großes Unrecht zugefügt."
Wenn sich aber Seefeldt mal wieder in einer "angeblichen Notlage" befand, hielt er sich oft tagelang, manchmal sogar bis zu zwei Wochen bei seiner Kundschaft auf, die ihn dann umsonst durchfütterte und übernachten ließ.
Wenn die Geschäfte besser liefen und die Reparaturaufträge sich wieder häuften, führte Seefeldt nicht unerheblicher Barmittel mit sich. Dann bevorzugte er lieber die Übernachtung im Freien, egal ob nun gerade Sommer, oder Winter war. Eine Unterkunft hätte er immer finden können und bezahlen konnte er sie auch. Deswegen äußert er sich bei diesem Thema auch stets ausweichend dahingehend, daß er: „... Herbergen und Privatquartiere aus reiner Angst vor Ungeziefer nicht aufsuchen würde und außerdem sei es ihm im Bett viel zu warm. Unter einer Bettdecke könne er nicht schlafen.“
Wenn er auf seinen Wanderungen im Freien übernachten wollte, oder mußte, lief er meist so lange, bis fast die Dunkelheit über ihn hereinbrach, dann erst suchte er sich im Wald oder einer dichten Schonung eine schöne, zum Schlafen geeignete Stelle. Ganz wichtig war ihm aber dabei die Tatsache, daß sich über seinem Kopf Bäume oder dicke Äste befanden, denn die hielten - (so äußerte er sich immer, wenn er auf seine Übernachtungen im Freien angesprochen wurde) - den Nebel fern. Anschließend lege er einen Bogen Papier oder Zeitung auf den Waldboden, zöge sich bis aufs Hemd aus, bedecke mit seinem Jackett seine Füße bis zu den Knien und der Mantel diene schließlich als Decke. Diese zöge er dann bis über den Kopf, denn der müsse stets abgedeckt sein, damit keine Wärme verloren gehe. So hätte er wesentlich besser und bequemer geschlafen als in einem Bett. Vor allem molliger sei es so und gefroren habe er auch nie.
Morgens würde er sich immer einen Bach oder eine andere saubere Wasserstelle zum Waschen suchen und an zwei Tagen in der Woche rasiere er sich dann. Das Rasierzeug habe er im Rucksack stets bei sich. Oft hat er seinen Lagerplatz noch zusätzlich durch Zweige verstärkt, um auch jeden fremden Blick auf sein Lager zu vermeiden. Vor allem sollte so niemand erfahren, was Adolf Seefeldt so in der Einsamkeit des Waldes trieb. In Buchholz bei Schwerin sind später mehrere solcher Lagerstellen gefunden worden. Nach seinen eigenen Aussagen hat er mehr als 1/3 des gesamten Jahres im Freien übernachtet.





Der Inhalt des Rucksackes.

Als man das Gepäck von Adolf Seefeldt nach seiner Verhaftung im Jahr 1935 untersuchte, fand man keinerlei Gifte oder Spuren von solchen. Auch konnte man nicht feststellen, ob sich Gifte wie Zyankali, Morphium, Chloroform usw. in seinem Besitz befunden hatten, oder er versuchte sich diese zu verschaffen.

Vorschau:
Mit Sicherheit ist davon auszugehen, daß es nicht gelungen ist sämtliche Sachen des Adolf Seefeldt zu beschlagnahmen. Einen Teil seiner Sachen, darunter vermutlich auch Gift, hat er wahrscheinlich in irgendeiner dichten Schonung in der unmittelbaren Umgebung von Wutzetz, wo er auch im Jahr 1935verhaftet worden ist, versteckt. Andererseits bestand aber auch die Möglichkeit, daß Seefeldt zum Zeitpunkt seiner Festnahme gerade das Gift ausgegangen war (der Fall Gustav Thomas hatte sich am 23. März 1935 ereignet). Dafür spricht eine Bemerkung von Adolf Seefeldt, die er dem Bauern Otto Rudolf Deter gegenüber abgegeben hat. Angeblich hätte er (Seefeldt) in der Apotheke in Friesack Gift kaufen wollen, sei aber abgewiesen worden, weil er den dafür nötigen polizeilichen Erlaubnisschein nicht habe vorweisen können.
Trotzdem muss man feststellen das es für Seefeldt als Uhrmacher ein Leichtes gewesen wäre, schließlich besaß er einen Wandergewerbeschein, sich Gifte, Chloroform, Salzsäure, Zyankali usw. zu besorgen. Die Abgabevorschriften von Giften sind damals anscheinend nicht besonders streng beachtet worden.

In den Aktenunterlagen findet man folgende Eintragung zum Inhalt des Rucksackes:

„Im Rucksack des Seefeldt sind als auffällige Sachen gefunden worden: Mehrere Bogen Packpapier, 4 Zeitungsausschnitte, die Bezug haben auf die Durchführung einer Verkehrskontrolle, auf sexuale Fragen („An Ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen), auf einen Mord an einer Näherin und auf den Oderberger Frauenmord. Ferner ein Stück zusammengerollte Apfelsinenschale, 2 angebrannte Streichhölzer sowie 3 kleine geflochtene Büschel Haare, von denen das eine Bündel aus blonden Haaren, anscheinend Frauenhaaren, und die beiden anderen Büschel aus künstlichem Puppenhaar bestehen.
Die Zeitungsausschnitte will der Angeschuldigte als Klosettpapier bei sich geführt haben; die zusammengerollte Apfelsinenschale (vergleiche Mordfall Dill-Eipel Apfelsinenschale im After) soll zur Beseitigung üblen Mundgeruches gedient haben; die abgebrannten Streichhölzer sollen Ohrenreiniger sein. Hinsichtlich der Haarbüschel erklärte er: 'Von meiner Hand sind sie bestimmt nicht in den Rucksack gelegt worden. Ich kann es kaum glauben, daß sie überhaupt in meinem Rucksack waren. Hier muss eine schwarze Hand im Spiel sein.'
Es hat nicht festgestellt werden können, welche Bewandtnis es mit den Haarbüscheln hat. Knabenhaare sind es anscheinend nicht. (Künstliche Schnurrbarthaare?).
Eine Shagpfeife, deren Kopf aus einem geschnitzten Totenschädel mit rot leuchtenden Augen besteht, hat der Angeschuldigte an seinem Geburtstage im März 1935 dem Arbeiter Angerstein in Görries zur Erinnerung geschenkt mit dem Bemerken, dieser Geburtstag sei der letzte, den er feiere.“


Das Tagebuch.

Ende Dezember 1930 hatte sich Seefeldt ein Tagebuch gekauft, weil ihm die Idee kam, alle Orte, durch die er wanderte, bzw. in denen er übernachtete zu notieren. Der bevorstehende Jahreswechsel bot auch den entsprechenden Anlass zum Beginn der Aufzeichnungen. Das Tagebuch beginnt mit dem 1. Januar 1931 und endet mit dem 29. März 1935 ... Nach Seefeldts Angaben sind alle Eintragungen in diesem Tagebuch richtig. Nachprüfungen der Eintragungen bestätigen auch ihre Richtigkeit.
Dieses Tagebuch gibt über alle Tage und alle Orte Auskunft, an denen Seefeldt verweilt hat, sofern er nicht mit Absicht bestimmte Tage verändert hat, um seine Anwesenheit bzw. seine Machenschaften in Undurchschaubarkeit zu hüllen. Alle Ortsnamen und Daten sind in der Regel mit einem + (plus) oder - (minus) Zeichen ausgestattet. Ein Pluszeichen bedeutet, daß Seefeldt an diesem betreffenden Ort gearbeitet oder auch in dem betreffenden Ort übernachtet hat. Ein Minuszeichen bedeutet, daß Seefeldt in diesem betreffenden Ort möglicherweise gearbeitet oder ihn nur durchwandert, aber irgendwo in der Nähe im Freien übernachtet hat. Das Notizbuch enthält aber auch noch zahlreiche Zeichen, deren Sinn trotz allergrößter Bemühungen nicht ermittelt werden konnten. Erwartungsgemäß gab Seefeldt auf diese Fragen nie eine klare Antwort, sondern redete immer nur Unsinn. Und das aus gutem Grund. Den Akten ist dazu folgendes zu entnehmen:

  • „So befindet sich zum Beispiel vor dem Datum des 18. und 19.2.1931 ein waagerechter Pfeil. 
  • Die Eintragung des Jahres 1932 weisen sehr häufig als Ortsbezeichnungen ein „R" beziehungsweise auch die Bezeichnung Russland auf, so die Daten vom 11., 13. und 17. bis zum 24. Januar; vom 1. bis zum 3. und vom 11. bis zum 16. April; vom 1. bis zum 4. und vom 7. bis zum 13. und vom 18. bis zum 25. Mai; ebenso vom 10. bis zum 13. und vom 21. bis zum 24. Juni, vom 24. bis zum 28. Juli. Am 2., 3. und 13.Februar 1932 sind dem „R" drei Fragezeichen hinzugefügt.
  • Auffällig ist für die aufgeführten Daten und Zeiträume, daß der Angeschuldigte stets im Freien übernachtet hat. Vom 8. August bis zum 30. August 1932 finden sich mit nur zwei Unterbrechungen jeweils anstelle der Ortsangabe ? ? ?, wobei aus dem Minuszeichen hervorgeht, daß der Angeschuldigte ebenfalls im Freien übernachtet hat.
  • Am 16.4.1933 ist der eingetragene Ortsname völlig unkenntlich gemacht (Todestag Gnirk – Wittenberge).
  • In ähnlicher Weise ist für den 21.11.1933 der ursprünglich niedergeschriebenen Ortsname mit anderen Buchstaben überschrieben worden, so daß er unleserlich geworden ist. Er hat Rostock gelautet (Todestag Praetorius – Rostock).
  • Am 7.6.1933 befinden sich vier durchgestrichene Nullen eingetragen. (Todestag Metzdorf – Potsdam).
  • Der 22.März 1935 weist drei sonst nicht erscheinende Zeichen, die eine dem Fragezeichen  ähnliche Form haben (Todestag Thomas – Wittenberge).
  • Für den 24.6.1931 findet sich die Eintragung „Bubi" (vergleiche Fall Hesse) und für den 2.7.1931 eine Eintragung: „Bubi" + + + (vergleiche Fall Wollenberg).
  • In dem Notizbuch des Angeschuldigten findet sich ferner ein zusammengefalteter Bogen Butterbrotpapier, auf dem sich noch verschiedene Aufzeichnungen befinden, wie z.B. „Sp Korn, Nauen Korn, Fr. Wald, Wilsnack Wald, Brandenburg Korn und so weiter."

Als man Seefeldt befragt, was denn diese Aufzeichnungen und die vielen unterschiedlich aufgeführten Zeichen, sowie das Durchstreichen bzw. das Überschreiben der Ortsnamen in dem Tagebuch bedeuten, läßt er verlauten: „Ich kann mich auch heute noch nicht erinnern, was ich mit diesen Bezeichnungen damals gemeint habe. Vielleicht ist es so, daß ich, ähnlich, wie ich bei den Orten, die ich namentlich bei späteren Eintragung nicht mehr wußte, ein Fragezeichen gemacht habe, mit der Bezeichnung 'R' oder 'Russland' auch zum Ausdruck bringen wollte, daß sich die Namen nicht mehr in Erinnerung hatte."
Außerdem legte er dar: „Es war auch einmal einer bei mir, der wollte immer nach Russland, vielleicht kommt es davon." Als man ihm vorhielt, seine Aufzeichnungen stünden unmittelbar mit den vermissten Knaben in zeitlicher und örtlicher Verbindung, kreischte er los: „Kommt gar nicht in Frage, das habe ich so einfach aus Langeweile aufgeschrieben. Sie machen noch schließlich auch mal aus Langeweile so irgendwelche Aufzeichnungen, was ihnen gerade in den Kopf kommt. - - - Das spielt keine Rolle. Man braucht ja keine Weihnachtsbäume aufzuzeichnen, wenn man keine hat."
Die Wichtigkeit dieser Eintragungen und der besonderen Vermerke wird in den späteren Kapiteln zu den einzelnen Fällen ausgewertet, denn sie bilden eins der außerordentlichsten und bedeutsamsten Beweismittel.

Vorschau:
Im späteren Ermittlungsverfahren wird Seefeldt angeben, diese Aufzeichnungen nur zum Zweck der Wiederauffindung seiner Kundschaft getätigt zu haben. Außerdem hätte er auch zahlreichen Zeugen den Zweck seiner Aufzeichnungen erklärt, „...um den Polizeibeamten nachweisen zu können, wo ich mich aufgehalten habe".




Ende vom 3. Kapitel.


Weiter auf der nächsten Seite mit dem 4. Kapitel.


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