Vom Mittelalter bis in die heutige Zeit.


6. Kapitel


Straftaten, zu denen Adolf Seefeldt verdächtigt, 

aber nicht abgeurteilt worden ist.


Straftaten, zu denen Adolf Seefeldt verdächtigt, aber nicht abgeurteilt worden ist.

Alle herangezogenen Strafakten des Adolf Seefeldt enthalten außer Sittlichkeitsverbrechen auch verschiedene Mordfälle, in denen Seefeldt bei den jeweiligen Polizeibehörden stets im dringenden Verdacht stand, diese Taten verübt zu haben. Ein Beweis für die Täterschaft hat sich damals aber nicht einwandfrei erbringen lassen.
Das Seefeldt dafür als Täter in Betracht gezogen werden kann, erscheint anhand der nachstehend aufgeführten Fällen durchaus als wahrscheinlich. Erst recht, wenn man das gesamte gegen ihn vorliegende Material in die Untersuchungen einbezieht.

In den Aktenunterlagen werden die nachfolgenden Fälle aufgeführt:

  • „Im Jahre 1893 ist an der 14-jährigen Hedwig Francke, der Tochter des Schiffseigners Francke zu Wallentins-Werder, ein Lustmord begangen worden.
  • Am 30. Juni 1897 ist ein Lustmord an der 11-jährigen Martha Vahrendorf in der Nähe von Spandau verübt worden. Belastend ist in beiden Fällen die Tatsache, daß dem Angeschuldigten, als er sich im Jahre 1900 in Untersuchungshaft im Untersuchungsgefängnis in Berlin befand, ein Kassiber abgenommen worden ist, der Bezug auf die bei der Staatsanwaltschaft anhängige Mordsache Hedwig Franke hatte. Der Angeschuldigte hat damals zugegeben, den Kassiber geschrieben zu haben zu dem Zweck, ihn seinem Rechtsanwalt zwecks Information zu übergeben. Der Kassiber ist damals zu den Mordsachen Hedwig Franke und Martha Vahrendorf genommen worden. Ein Anlass, einen solchen Kassiber zu schreiben, ohne mit der Tat in Verbindung zu stehen, ist nicht ersichtlich.
  • Am 2. Pfingsttag 1898 verschwand aus Spandau der Schüler Julius Bergemann, 9 Jahre alt. Die Leiche wurde am 22.Juni 1898 in vollkommen verwestem Zustand in einem Kornfeld in der Nähe der Falkenhagener-Chaussee aufgefunden. Dieses Kornfeld liegt in der Nähe der Stelle, wo der Angeschuldigte mit dem Knaben Fritz Becker zusammentraf. Nach einer Zeitungsnotiz in der Spandauer Zeitung Nummer 138 vom 16. Juni 1900 ist der Angeschuldigte seinerzeit wegen dieses Knabenmordes auch in Haft genommen worden. Anscheinend hat die Untersuchung keine genügenden Anhaltspunkte für seine Täterschaft ergeben. Zu den Fällen Varendorf und Bergemann ist noch zu bemerken, daß diese Fälle in jener Zeit liegen, in denen der Angeschuldigte mit einem scharf geschliffenem Dolchmesser in schwarzem Futteral die Umgegend von Spandau unsicher machte, kleine Mädchen mit Gewalt mitzunehmen versuchte und ihnen drohte, sie tot zu stechen oder ihnen die „Votze“ auszuschneiden.
  • Am 13.12.1908 verschwand in Hameln der 5-jährige Knabe Hans Breske, welcher am 6.Januar 1909 als unbekleidete Leiche in einer Fichtenschonung nahe der Stadt gefunden wurde. Die Leiche wies zahlreiche Schnitte, die mit einem Messer verursacht waren, in der Bauchgegend, am Gesäß, am linken Oberschenkel und in der rechten Lendengegend auf. Der Tod war durch Verblutung eingetreten. Die Kleidungsstücke des Knaben wurden in der Nähe des Tatortes an einem Baum aufgehängt gefunden. Nach den Akten und nach einem Vermerk der Polizeibehörde Hamburg vom 2. April 1909 trifft die vorliegende Beschreibung des Täters auf den Angeschuldigten genau zu. Auch enthält eine von dem Mörder an den Vater des ermordeten Jungen in deutscher Schrift geschriebene Karte, zahlreiche Anhaltspunkte, die auf den Angeschuldigten hinweisen. Abgesehen von zahlreichen Schriftenähnlichkeiten beziehungsweise – Gleichheiten, enthält die Karte zwei sich küssende Knabenköpfe, die genau in der Art gezeichnet sind, wie der Angeschuldigte während seines Aufenthaltes in der Irrenabteilung des Gefängnisses in Köln im Jahre 1903 Köpfe gezeichnet hat. Ferner ist die Karte in der gleichen Weise mit Bleistift liniert, wie der Angeschuldigte noch in den letzten Jahren seine zahlreichen Postkarten an Knaben liniert hat. Die Postkarte enthält außerdem eine Abbildung des Dammtor-Bahnhofes in Hamburg, wo der Angeschuldigte sich damals aufhielt. Der Angeschuldigte hat sich im Jahre 1909 geweigert, eine Schriftprobe in deutscher Schrift abzugeben mit der Begründung, nicht deutsch schreiben zu können. Als besonders auffällig ist hervorzuheben, daß der Angeschuldigte bis zu diesem Zeitpunkt nach den vorhandenen Aktenstücken nur deutsch geschrieben hat, von diesem Zeitpunkt ab aber nur noch in Graveurhandschrift oder selten einmal lateinisch, wie er es heute auch noch zu tun pflegt, schreibt. In dem Verlangen der Polizeibehörde Hamburg im Jahre 1909, ihr eine deutsche Schriftprobe zu geben, dürfte der Grund für die Umstellung des Angeschuldigten auf die auffällige Graveurschrift liegen, weil er fürchtete, sich durch eine deutsche Schriftprobe als Schreiber des Briefes an den Vater des Breske zu verraten. Das damals geführte Alibi dürfte nicht einwandfrei gewesen sein, da es auf dem Zeugnis eines jungen Menschen beruht, der anscheinend ebenfalls homosexuell veranlagt war.
  • Am 15. November 1915 kam der 12-jährige Knabe Peemöller in Wandsbek aus der Schule nach Hause. Nach dem Mittagessen wollte er zum Exerzierplatz gehen, um sich dort 3 Mark zu verdienen. Seit dieser Zeit ist Peemöller nicht mehr gesehen worden. 3 Tage nach dem Verschwinden des Jungen wurde sein Taschentuch in der Nähe des Schiffbeeter Weges  aufgefunden. Am Schiffbeeter-Weg hat der Angeschuldigte im Jahre 1916 an dem Knaben Lukas ein Sittlichkeitsverbrechen begangen. Auch mit dem Knaben Luis Bieber, genannt Lange, ist der Angeschuldigte im Jahr 1916 in der gleichen Gegend gewesen.
  • Am 12. Mai 1916 verschwand aus Wandsbek der Schüler Max Kleist, 8 Jahre alt. Schon am 11. Mai 1916 fiel das Benehmen des Jungen den Eltern auf. Er kam an diesem Tag atemlos nach Hause und erzählte, daß er beinahe nicht wiedergekommen wäre, da er sich verlaufen hätte. Er fragte auch seine Mutter, ob sie bald sterben würde. Auf Befragen gab der Junge weiter keine Antwort. Die Mutter nahm an, daß der Junge an diesem Tage ein besonderes Erlebnis gehabt hatte. Am 12. Mai 1916 kam der Junge aus der Schule und wollte nicht richtig zu Mittag essen. Als ihm die Mutter zuredete, sagte er, 'nein Mama, esse Du man tüchtig.' Um 13½ Uhr verließ dann das Kind die Wohnung, um angeblich zum Spielplatz an der Wagnerstraße zu gehen. Seit dieser Zeit ist Kleist nicht mehr gesehen worden. Er ist aber zuletzt in der Gegend gewesen, wo der Angeschuldigte den Knaben Luis Bieber, genannte Lange, angesprochen hat. Von den Knaben Peemöller und Kleist ist nie wieder etwas bekannt geworden, auch sind ihre Leichen nicht gefunden worden.
  • Am 16. September 1929 wurde in unmittelbarer Nähe des Bahnwärterhauses Hommerschen der Eisenbahnstrecke Aachen - Geilenkirchen gegen 18½ Uhr die Leiche der 8 Jahre alten Tochter Elisabeth, des in dem Wärterhause wohnenden Rottenführers Forg gefunden. Die Leiche lag hinter einer Dornhecke in hohem Kraut. Die Kleider waren hochgeschlagen, die Schlupfhose des Kindes hing an den Füßen. Die Besichtigung der Leiche ergab keine äußerlichen Verletzungen, abgesehen von einer winzigen Einkerbung am Kehlkopf, die anscheinend von einem Fingernagel herrührte, und einigen Schrammen am rechten Unterarm. Trotz aller Bemühungen hat eine einwandfreie Todesursache nicht feststellt werden können. Zur Zeit der Tat ist ein älterer Mann in der Nähe des Tatortes gesehen worden. Nach den eigenen Angaben des Angeschuldigten haben ihn seine Wanderungen bis nach Aachen geführt.
  • Und seit dem 24.Januar 1929 werden aus Harburg die Knaben Günter Jahnke und Heinz Voss, beide 7 Jahre alt, vermisst. Die Kinder hatten die Absicht geäußert, nach dem Heidberg (in Richtung der Waldung Hake) gehen zu wollen und sich dort eine Schlittenbahn anzulegen. Der Angeschuldigte ist in Harburg - Wilhelmsburg nicht unbekannt. Er hat dort bereits im Jahr 1915 gewohnt. Am 29. Oktober 1929 hat er sich als zugereiste fremde Person in das Fremdenbuch des Obdachlosen- Asyls eingetragen. 
  • Am 21.Februar 1930 verschwand in Essen der 6 ½ jährige Knabe Günter Kosten spurlos. Erst am 23.Juni 1932 wurde das Kind als unbekleidete mumifizierte Leiche im Hause Seibertstraße 4 zwischen Gerümpel, welches in einem toten Winkel unter einer Kellertreppe lagerte, gefunden. Die gerichtsärztliche Untersuchung ergab keine sicheren Merkmale, die auf eine gewaltsame Tötung hindeuten. Es ergaben sich auch keine Anhaltspunkte für eine Schändung des getöteten Knaben. Professor Dr. Müller-Hess, Direktor des Instituts für gerichtliche und soziale Medizin der Universität Berlin, glaubt sagen zu können, eine zufällige oder absichtliche Tötung des Günter Kosten durch Erwürgen sei höchstwahrscheinlich anzunehmen.

Nach eigener Angabe des Angeschuldigten ist er gelegentlich bei seiner Fahrt durch Mittel-, Süd- und Westdeutschland auch in Essen gewesen.„

Information:
Zusammenfassend ist zu den oben aufgeführten Fällen zu bemerken, dass sie alle die verschiedensten Tatbestandsmerkmale aufweisen, die auch die im nächsten Kapitel (Ermordung von 12 Knaben) behandelten Taten tragen. Weil diese im 7. Kapitel gelisteten Fälle jedoch zur späteren Anklage nicht herangezogen wurden, soll deswegen auf diese übereinstimmenden Tatbestandsmerkmale auch nicht weiter eingegangen werden. Das betrifft gleichwohl weitere Mordfälle bei denen die Täterschaft des Angeschuldigten ebenfalls nicht ausgeschlossen erscheint. Auch sie werden nicht mehr angeführt.
Es dürfte aber keinem Zweifel unterliegen, daß noch weitere Mordfälle dem Angeschuldigten zur Last zu legen sind, die aber gar nicht zur Kenntnis der Anklagebehörde gelangten, weil sie nie als Morde erkannt wurden oder der Verdacht der Täterschaft nicht auf den Angeschuldigten gefallen ist.



Ende vom 6. Kapitel.


                   Weiter auf der nächsten Seite mit dem 7. Kapitel.


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