Vom Mittelalter bis in die heutige Zeit.


7. Kapitel

Die Ermordung von 12 Knaben in den Jahren 1933 - 1935.


Die Ermordung von 12 Knaben in den Jahren 1933 – 1935.

In Norddeutschland verschwanden in den Jahren 1933 - 1935 mehrere Knaben spurlos, die dann später tot aufgefunden wurden. In allen Fällen blieb die Todesursache ungeklärt. Nähere Einzelheiten, wie diese Knaben zu Tode gekommen sind, konnten entweder gar nicht oder aber nicht einwandfrei festgestellt werden. Weil auch die Möglichkeit eines Verbrechens in allen Todesfällen nicht von der Hand zu weisen war, sah sich der zuständigen Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Schwerin Mitte März 1935 veranlasst, eiligst eine Sonderkommission zu bilden, die sich aus Beamten der Berliner und der Schweriner Polizei zusammensetzen sollte, mit dem Auftrag sämtlichen Fällen nachzugehen.
Diesen Vorschlag unterbreitete die Schweriner Staatsanwaltschaft der Mordinspektion des Polizeipräsidiums Berlin und bat um Amtshilfe, die auch problemlos gewährt wurde.
Jetzt war rasches Handeln erforderlich. Kurzfristig beraumte man eine erste Lagebesprechung im Polizeipräsidium Berlin an, mit dem Ziel, alle in Betracht kommenden Fälle eingehend zu überprüfen.
Vorrangig ging es zunächst erst einmal um folgende tot aufgefundenen Schüler:

  • am 16. April 1933 verschwand in Wittenberge der Schüler Gnirk; er wurde zwei Tage später als Leiche aufgefunden,
  • drei Monate darauf am 26. August 1933, wurde in einem Kornfeld in der Nähe von Potsdam die bereits stark in Verwesung übergegangen Leiche des Schülers Metzdorf aufgefunden,
  • am 18. November 1933 wurde in der Nähe von Ludwigslust die Leiche des Schülers Tesdorf, der seit dem 2. November von seinen Eltern vermisst wurde, im Walde entdeckt,
  • die furchtbare Liste wird fortgesetzt mit dem Tode des Schülers Praetorius, der in Rostock am 4. Januar 1934 gefunden wurde, nachdem fast ein halbes Jahr nach dem Jungen vergeblich gesucht worden war,
  • daran schließt sich der Fall in Lübeck; dort wurde der seit dem 16. Januar 1934 vermisste Schüler Korn am 15. Februar tot aufgefunden,
  • weiterhin sind in diese Liste der verschollenen Kinder nachfolgend eingegliedert und überprüft worden; der achtjährige Günter Thieke, der in Oranienburg am 29. Oktober 1934 nur noch als Leiche entdeckt werden konnte
  • der Schüler Wischnewski, der am 11. November 1934 in Brandenburg den Tod fand,
  • die beiden Knaben Dill und Eipel, die im Forst bei Neuruppin am 7. Oktober 1934 tot entdeckt wurden,
  • die Schüler Neumann und Zimmermann aus Schwerin, die beide seit Februar 1934 vermisst und bisher noch nicht aufgefunden wurden,
  • und schließlich der Schüler Thomas, auf dessen Leiche man am 23. März 1934 in Wittenberge gestoßen war.

Im Laufe dieser Lagebesprechung gelangten die Beamten fast einhellig zur Überzeugung, daß es sich bei diesen mysteriösen Todesfällen nur um eine Folge von Verbrechen handeln konnte, die höchstwahrscheinlich einem einzigen Täter zuzuschreiben waren. Zu gleichgelagert ergaben sich die Tatumstände. Bei keinem der Knabenopfer konnte eine gewaltsame Todesursache festgestellt werden, sondern bei allen schien es so, als ob sie im Schlaf verstorben seien, was sich aber in keinster Weise mit „Zufall“ erklären ließ.
Auch die Bekleidung der Opfer ähnelte sich seltsamerweise. Fast alle Knaben trugen den zur damaligen Zeit hochmodischen Bleyle-Anzug, eine Art Matrosenanzug.




Beispiel:

Matrosenanzug der Firma Bleylein der Zeit um 1926.

Information:
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Matrosenanzug das typische Kleidungsstück für Knaben in Großbritannien, Deutschland und Frankreich. Besonders in Mode war der Matrosenanzug in der Zeit ab 1870 bis in die 1930er Jahre. Erstmals wurde ein besonderes Kleidungsstück für Kinder benutzt, das nicht das Abbild von Alltagskleidung für Erwachsene darstellte. Die häufigste Farbe war blau, gefolgt von weiß. Das Aussehen war dem der Marineuniformen sehr ähnlich, inklusive Kragen und Streifen. Allerdings war die Hose meistens kurz. Für Mädchen kamen Matrosenkleider im selben Stil in Mode.
Die Einführung des Matrosenanzugs in die Kindermode wird dem britischen Königshof zugeschrieben. 1846 wurde für den damals fünfjährigen Prinzen von Wales, den späteren König Edward VII. eine Marineuniform in Kindergröße angefertigt. Diese trug er auf einem Porträt, das der Maler Franz Xaver Winterhalter von ihm anfertigte und das den Matrosenanzug zunächst in britischen Adelskreisen populär machte, ab etwa 1860 auch in der übrigen Bevölkerung.
Die britische Königin Victoria schenkte einen solchen Anzug auch ihrem Enkel Wilhelm, dem späteren Wilhelm II. Dadurch wurde der Matrosenanzug auch in Deutschland bekannt und sehr schnell beliebt. Diese Kleidung paßte wohl sehr gut zur damals verbreiteten Begeisterung für die Kaiserliche Marine.
Die ersten industriell hergestellten Matrosenanzüge in Deutschland soll 1890 die Firma Bleyle auf den Markt gebracht haben.

Auf Grund dieser Erkenntnis leiteten die Beamten der Sonderkommission ihre umfangreichen Ermittlungen nur noch in eine Richtung. Wer könnte als möglicher Täter in Betracht kommen? Es mußte sich um jemanden handeln, der viel umherreist, aber nirgendwo groß auffällt. Über das Alter hatte man keine Vorstellungen.

Währenddessen die Beamten der Sonderkommission noch mit der Einleitung umfangreicher Recherchen beschäftigt waren, wurde am 22. März 1935 ein neuer Fall mit gleichen Tatumständen in Wittenberge bekannt. Es handelte sich dabei um den Schüler Gustav Thomas.
Schlagartig wurde den Ermittlern klar, daß ihnen eigentlich nur ganz wenig Zeit blieb, um den, oder die  Täter zu fassen, bevor erneut ein unschuldiges Kind sein Leben verliert. Es war höchste Eile geboten.
Die beiden Vermisstenfälle der Schüler Neumann und Zimmermann aus Schwerin, die beide seit Februar 1934 zwar vermisst, aber bisher noch nicht aufgefunden worden waren, sowie den jüngsten Fall des Schülers Thomas, dessen Leiche man am 23. März 1934 in Wittenberge gefunden hatte wurden ebenfalls mit in die Überprüfungsliste einbezogen.
Doch betrachten wir uns zunächst erst einmal die erfasste Dokumentation, die den Ermittlern zu diesem Zeitpunkt über die toten Kinder vorlag. Alle Details hatte man zusammengetragen, um sie in ihrer Gesamtheit auszuwerten. Sämtliche Aussagen der Eltern und Zeugen, Polizeiberichte, Beschreibungen von Teilnehmern des Suchtrupps, ärztliche Bulletins, Fotomaterial und Obduktionsberichte. Jedes Dokumente war wichtig. Nichts sollte vergessen werden. Doch die Befürchtung, daß in nächster Zeit noch mehr Knabenopfer bekannt werden, die bisher unentdeckt geblieben waren, versuchten die Beamten weitestgehend zu verdrängen.

Die Landkarte Norddeutschlands mit den Städten (weiß), 

in denen Knaben tot aufgefunden wurden.


1.) Der Mordfall - Kurt Gnirk in Wittenberge 1933.

Als am 16. April 1933 der Ostersonntagmorgen friedlich begann, ahnte in Wittenberge noch niemand, daß dieser Tag der Beginn einer beispiellosen Mordserie in Deutschland sein würde. An diesem Tag verschwand der am 10. Februar 1922 geborene Kurt Gnirk spurlos.

Noch am Ostermorgen überraschte der Junge seinen Vater mit einem halben Dutzend Zigarren und einer Schachtel Konfekt mit den Worten: „Vater, du hast ja erst am 18. Geburtstag. Ich will dir aber schon heute dein Geschenk geben, weil Feiertag ist, dann kannst du doch schon heute eine Zigarre rauchen."
Voll stolz äußerte sich der Junge darüber, endlich einmal seinem Vater ein Geschenk überreichen zu können, dass er nicht mit dessen Geld, welches er ab und zu von ihm bekam, gekauft hätte. Das sei das erste Mal in seinem Leben gewesen. Neugierig fragte der Vater Karl Gnirk bei seinem Sohn nach, von wem er denn das Geld bekommen habe. Dieser beruhigte aber den Vater und erwiderte, daß er sich eine Reichsmark bei einem älteren Mann verdient habe.
Wodurch und bei wem direkt er das Geld verdient habe, hat den Vater höchstwahrscheinlich nicht interessiert, denn er fragte nicht nach und der Junge sagte auch nichts weiter dazu. Und so beließ man es dabei.
Kurt Gnirk verließ in freudiger Stimmung gegen 8¾ Uhr die elterliche Wohnung. Er wollte zu seiner Stiefschwester in den Mühlenbergsweg gehen, sie abholen um anschließend in der Wohnung seiner Eltern mit ihr Ostereier zu suchen. Als Geschenk hatte er in einer Tüte eine halbe Tafel Schokolade und vier halbe Ostereier dabei.

Ab hier verliert sich die Spur des Jungen. Nach dem Verlassen der elterlichen Wohnung hat ihn unterwegs keiner gesehen und bei seiner Stiefschwester ist er auch nicht aufgetaucht. Nachdem der Knabe am späten Nachmittag immer noch nicht zurück war, begannen die Nachforschungen nach dem Verbleib des Jungen. Es wurde eine erfolglose Suche, denn niemand konnte sich erklären, wie dieser gesunde, gutmütige und folgsame Junge mitten am Tag einfach so verschwinden konnte. Vor allem war Kurt Gnirk kein Junge, der zum Herumtreiben neigte.

Bereits im Morgengrauen des nächsten Tages begannen die verstärkten Suchaktionen nach dem vermissten Jungen. Sie endete wiederum ohne Erfolg. Er schien, wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Erst am 18. April 1933 entdeckte man Kurt Gnirk in den Wentdorfer Tannen an der Lenzener Chaussee tot und in typischer Schlafstellung. Der Ort an welchem die Leiche des Jungen gefunden wurde, liegt nur etwa 5 km von der elterlichen Wohnung entfernt inmitten einer dichten Schonung unmittelbar an einem Wildwechsel und circa 30 m von einer Schneise, welche sich im Norden der Schonung befindet. Der Fundort der Leiche des Kurt Gnirk im Jahre 1933 liegt nur etwa 1800 m Luftlinie von der Stelle entfernt, an der man zwei Jahre später, im Jahre 1935, den Schüler Gustav Thomas tot auffinden wird. (vergleiche Mordfall - Gustav Thomas). Der Fundort der Leiche ließ keine Zeichen erkennen, die auf einen Kampf hindeutet. Merkmale äußerlicher Gewalteinwirkungen wies die Leiche ebenfalls nicht auf, was sich dann in der richterlichen Leichenschau folgendermaßen liest:
„Der Befund erweckt den Eindruck, als wenn der Knabe im Schlafe erfroren ist. Die Leichenschau hat keinerlei Befund ergeben, daß der Tod durch Einwirkung eines Dritten gewaltsam erfolgt ist. Die Farbe der Totenflecke spricht für den Tod durch Erfrieren."
Eine Obduktion der Leiche wurde nicht durchgeführt. Die von Kurt Gnirk als Geschenk in einer Tüte mitgeführte Schokolade sowie die Ostereier konnten weder neben der Leiche noch in unmittelbarer Umgebung aufgefunden werden.


2.) Der Mordfall - Wolfgang Metzdorf, Potsdam 1933.

In Potsdam verschwand am 7. Juni 1933, der am 8. Juni 1925 geboren Schüler Wolfgang Metzdorf. Er wohnte zu dieser Zeit bei seiner Großmutter einer gewissen Frau Gerber in der Brandburgerstraße Nr. 19. Seine Eltern besaßen vorübergehend keine Wohnung. Da die Großmutter ihrer Arbeit nachgehen musste, schickte sie den Jungen gegen 7½ Uhr zur Urgroßmutter, Frau Ernestine Metzdorf, in die Lennestraße Nr. 15. Hier ist der Junge aber nie angekommen.

Wolfgang Metzdorf beschrieb man als folgsamen und anhänglichen Jungen der liebevoll erzogen wurde. Allerdings war er ein bisschen ängstlich. Durch seine Tuberkuloseerkrankung der Bronchial-Drüsen litt er an Atemnot.
Vom Hauswirt der Großmutter wurde er noch 8½ Uhr in der Brandenburger Straße gesehen. Seinen Angaben zufolge sprach er noch kurz mit dem Knaben. Auch die Ehefrau Agnes Rudolph gibt an, den Jungen gegen 8 Uhr an der Ecke Kronprinzenstraße-Luisenstraße gesehen zu haben. Dort kam er gerade aus Richtung Brandenburger Tor und ging in Richtung Kronprinz Straße. Er kam ganz gemütlich daher geschlendert, wie Kinder halt so gehen, wenn sie ganz alleine laufen. Darüber, daß der Junge zu diesem Zeitpunkt ohne Begleitung war, ist sich Frau Rudolf absolut sicher. Ob jedoch die Zeitangabe der Zeugin zu dieser Beobachtung richtig sind, konnte nicht festgestellt werden.
Noch am Tage des Verschwindens von Wolfgang Metzdorf begannen die umfangreichen Nachforschungen über seinen Verbleib. Jedoch sind alle ergebnislos verlaufen. Auch die Suchaktionen der nächsten Tage brachten keinen Erfolg, obwohl man alle Möglichkeiten, wie und wo ein Mensch verschwinden könnte, in Betracht zog, ergab sich nicht einmal der kleinste Hinweis.
Erst am 26. Juli 1933 fand man Wolfgang Metzdorf tot auf der Feldmark Bornstedt, in der Nähe des Schlosses Lindstedt, beim Mähen in einem Kornfeld.
Die Leiche befand sich bereits in einem völlig verwestem Zustand.
Der Polizeibericht zu diesem Leichenfund liest sich wie folgt:
„Der Fundort lag etwa 100 m von der Potsdam-Lindenstedter Chaussee entfernt in der so genannten Buchenkoppel. Die Entfernung von dem an diese Koppel angrenzenden Eichenwald betrug 23 m. Von der Leiche waren nur noch die zum größten Teil aus ihrem Gelenken gelösten Knochen vorhanden und einige schmierige Gewebereste. Eine Verletzung des Schädels sowie andere äußerliche Verletzungen waren nicht feststellbar.
Von einer Sektion der Leiche wurde abgesehen, da nach den Feststellungen des Kreisarztes die Opduktion zwecklos erschien.
Die Leiche lag in typischer Schlafstellung vollkommen ausgestreckt auf dem Rücken. Beide Arme waren unter dem Kopf zusammengelegt und ein Bein über das andere geschlagen. Eine verkrampfte Haltung war nicht vorhanden."
Nach den Aussagen der schockierten Eltern hatte sich der Junge nie für längere Zeit von zu Hause entfernt. Auch hatte der Junge keinen Grund, am Tage seines Verschwindens, nicht zur Urgroßmutter in die Lennestraße zu gehen. Wie und wann der Junge auf die Buchenkoppel gekommen ist, die immerhin zwei bis 3 km von der Wohnung entfernt liegt, ließ sich nicht klären. Die Vermutung, daß Wolfgang Metzdorf auf Grund seines Asthma-Leidens vor Erschöpfung ohnmächtig zusammengebrochen und hilflos gestorben sei, war kaum denkbar. Das erschien auch nicht logisch. Wenn ihm durch Ermüdung und Erschöpfung ein Weiterlaufen infolge seines Leidens nicht mehr möglich gewesen wäre, hätte er sich nie abseits einer belebten Straße in irgendeinem Roggenfeld zum Ausruhen oder Schlafen niedergelegt.


3.) Der Mordfall - Ernst Tesdorf in Ludwigslust 1933.

Anfang November 1933 (2.Nov.) fand in Ludwigslust ein Jahrmarkt statt. Deshalb beschloss der Schüler Ernst Tesdorf, geboren am 29. August 1923 aus Grabow zu diesem Markt zu fahren. Dort wollte er dann sein gesammeltes Kienholz verkaufen. Der jüngere Bruder sollte dann gemeinsam mit der älteren Schwester nachkommen. Alle drei Geschwister wollten sich auf diesem Herbstmarkt in der Schloßstraße in Ludwigslust treffen. Das Geld vom Kienholzverkauf würde er dann mit seinen Geschwistern teilen und damit die Ausgaben auf dem Jahrmarkt bestreiten. 

In Ludwigslust ist der Junge wohlbehalten angekommen. Auch sein Kienholz konnte er komplett verkaufen und erhielt dafür insgesamt 0,65 Reichsmark. Im Anschluss lief er zum Schneidermeister Meyer. Bei dem durfte er sein Fahrrad sicher abstellen und hinterließ bei dieser Gelegenheit gleich noch seine Jacke, die er unter dem Mantel trug. Die Geschwister, die mittlerweile an der verabredeten Stelle eingetroffen waren, warteten vergebens auf ihrem Bruder. Aber der kam und kam nicht. Als ihnen das Warten zu lang wurde, begannen die Beiden auf dem Jahrmarkt mit der Suche. Sie konnten ihn jedoch nicht finden und von den befragten Besuchern des Marktes hatte keiner ihren Bruder nach dem Kienholzverkauf mehr gesehen. An diesem Nachmittag verliert sich die Spur des Jungen und die Ermittlungen nach seinem Verbleib brachten kein Ergebnis. Nur der Schneidermeister Meyer konnte vorerst die Aussage treffen, daß der Junge die bei ihm abgestellten Sachen bisher noch nicht wieder abgeholt hat.

Ernst Tesdorf war ein sehr aufgeweckter, gesunder, kräftiger und furchtloser Junge. Aussagen der Mutter zufolge hatte sie keine Schwierigkeiten mit ihm, da er sich zu Hause stets ordentlich betragen hat.
Dem entgegen stehen die Angabe des Lehrers. Dieser bezeichnet Ernst Tesdorf allerdings als den unerzogensten Schüler der gesamten Klasse und total verwahrlost. Oft sah er sich gezwungen Tesdorf wegen seiner Frechheit ein paar Schläge zu verpassen. Aber an diesem 2. November 1933 hatte der Junge keine Strafe zu erwarten. Weder von seinem Lehrer noch von seinen Eltern.

Zusammengetragen ergeben sich für den Tag des Verschwindens weitere Fakten:

  • Die aus Ludwigslust stammende Frau Mandel bemerkte in der Zeit zwischen 14½ Uhr und 15 Uhr den Kienjungen Ernst Tesdorf der unmittelbar neben einer Kasperlebude stand. Interessiert befragte sie den Jungen, ob er denn sein gesamtes Kienholz verkauft hätte, was dieser mit: „Ja" beantwortet und „... jetzt wolle er Jahrmarkt feiern." Sie kannte den Knaben schon längere Zeit, weil sie schon öfters bei ihm Kienholz gekauft hatte. Noch zwei Stunden vorher war er in ihrer Wohnung gewesen und hatte Kien angeboten. Frau Mandel fiel allerdings auf, daß sich neben dem Jungen ein älterer Mann aufhielt, den sie nicht kannte und der dem Knaben auf Schritt und Tritt folgte. Sie beschreibt den Mann folgendermaßen: „...etwa 50 Jahre alt und unrasiert, circa 1,65-1,67 m groß und mittelkräftig, dunkel schimmerndes Haar und einen staubigen Schnurrbart, der Kopf war leicht nach vorn geneigt, die nach vorn geneigte Körperhaltung behielt er auch beim Laufen bei, bekleidet war er mit einem rostbraunen Mantel und einer gestreiften Hose, auf dem Kopf trug er eine Schlachtermütze (Ballonmütze), welche er sich tief ins Gesicht gezogen hatte.“ Außerdem bemerkte sie, daß dieser fremde Mann sie ständig misstrauisch beobachtet hat, während sie mit Tesdorf sprach.
  • Auch der 14 Jahre alte Schüler Günther Schmidt hatte den Jungen zwischen 16 Uhr und 17 Uhr mehrere Male gesehen. Er kannte Ernst Tesdorf ebenfalls. Allerdings nur als „Kien-Jungen" (höchstwahrscheinlich war Tesdorf in der Gegend nur unter diesem Namen bekannt). Den Äußerungen Schmidts zufolge befand sich der Junge immer in Begleitung eines älteren Mannes, mit dem er die verschiedensten Buden auf dem Jahrmarkt aufsuchte. Der Mann sei, so beschrieb Günther Schmidt den Begleiter des „Kien-Jungen“: „... etwa 50 Jahre alt gewesen und circa 1,65 m groß. Das Gesicht sei grau und unrasiert, mit einem kleinen gestutzten, grau melierten Schnurrbart. Sein dunkelbrauner Mantel wäre mit einem Samtkragen besetzt gewesen. Dazu hätte er eine dunkelgraue Schlachtermütze getragen. Die Haltung des Mannes war eine nach vorn geneigte.“

In welche Richtung dieser alte Mann mit dem Jungen anschließend gegangen ist, bzw. wo der „Alte" und Ernst Tesdorf überhaupt abgeblieben sind, konnte keiner der befragten Besucher des Jahrmarktes beantworten, den keiner hatte auf dieses seltsame Pärchen geachtet.
Endlich! Nach langem Suchen konnte der Knabe ausfindig gemacht werden. Aber das Ergebnis war traurig, schmerzlich und bitter.
Am 18. November 1933 fand man die Leiche von Ernst Tesdorf. Und das nur durch einen Zufall. Während einer Waldjagd entdeckte man den toten Jungen inmitten einer dichten Kiefernschonung, westlich der Ludwigslust-Schweriner Chaussee. Er lag da, als wenn er auf dem Waldboden eingeschlafen wäre.

Der Bericht der Ermittlungsbeamten und Ärzte vermerkt dazu:
„Die Fundstelle liegt etwa 120 m von der Chaussee und etwa 60 m von dem Landwege in Ludwigslust-Lüblow entfernt. In Höhe der Fundstelle stehen am Lüblower Weg einige Birken. Am Wege selbst ist die Schonung licht und bis zu 30 m einzusehen. Erst dann wird sie dichter. Irgendwelche Kampfspuren zeigt der Fundort nicht. Selbst die kleinsten Kampfhandlungen hätten wahrnehmbar sein müssen, weil die unteren Zweige der Kiefer, die trocken sind und bis zur Erde herab reichen, aber bei einem Kampf eingeknickt oder abgebrochen worden wären.
Auch die Leiche sowie die Kleidung wiesen keinerlei Spuren eines Kampfes auf. Die Leiche machte den Eindruck, als wenn der Knabe im Schlafe verstorben wäre. Der Mantelkragen war hoch geschlagen, die Arme lagen über der Brust zusammengelegt, die Hände waren über Kreuz in die gegenseitigen Rockärmel gesteckt, und die Knie leicht angewinkelt.“ (Vergleiche Mordfall Praetorius).
„Durch die Sektion der Leiche konnte die Todesursache nicht festgestellt werden. Sie ergab auch keine Anhaltspunkte für das Vorliegen eines Sittlichkeitsverbrechens. Die chemische Untersuchung der inneren Leichenteile blieb ohne Befund.
Bei der Zusammenfassung aller bisherigen Erkenntnisse ergab sich folgendes Bild.

  • Ernst Tesdorf hatte überhaupt keinen Anlass seinem Elternhaus fernzubleiben,
  • die Vermutung, daß der Junge sich verirrt habe entfällt, da er sich durch seine Kienholz-Sammelei in den Waldungen sehr gut auskannte.
  • auch die Behauptung, daß sich Ernst Tesdorf infolge von Erschöpfung auf dem Waldboden niedergelegt, dabei eingeschlafen und erfroren sei, kommt nicht in Betracht, da der Junge durch seine kräftigen und robusten Körperbau nicht zu Erschöpfungsanfällen neigt
  • die Vorstellung, Tesdorf hätte etwas die Orientierung verloren und sei versehentlich in diese Kiefernschonung geraten, in der er am 18.November 1933 tot aufgefunden wurde, ist nicht realistisch. Dem Jungen wäre es bei seiner Ortskenntnis nicht allzu schwer gefallen, an die in der Nähe stark befahrene Chaussee Ludwigslust- Schwerin und die Bahnstrecke Ludwigslust- Schwerin zurückzufinden. Schon allein der Verkehrslärm und die Lichter der Fahrzeuge dürften ihm schon als Orientierung genügt haben.“

Die Beamten standen wieder vor einem Rätsel, denn, und davon waren alle fest überzeugt, der Tod des Ernst Tesdorf musste andere Hintergründe haben.

4.) Der Mordfall - Alfred Praetorius in Rostock 1933.

Seit Mittwoch, dem 22. November 1933, einem Buß- und Bettag, wurde in Rostock der am 23. Januar 1923 geborene Schüler Alfred Praetorius vermisst. Die Familie Praetorius wohnte in der Fischbank 5, also keine 200 m von der Petri-Kirche entfernt, in der Hafengegend.

Rostock mit Stadtmauerturm und Petri-Kirche im Jahre 1928

Alfred Praetorius hatte an diesem Tag bis etwa gegen 10 Uhr geschlafen, mußte aber zunächst,  mit dem drängelnden Hund, der keinen Aufschub mehr duldete, eine Viertelstunde auf die Straße und konnte erst im Anschluss frühstücken.

Gegen 11¼ Uhr folgte er der Anweisung seiner Mutter, doch auf die Straße zum Spielen zu gehen. Aber statt auf der Straße herumzustreunen entschied sich der Junge für eine andere Lösung. Er lief in die Friedrich-Franz-Straße Nr. 8 zum Arbeiter Albrecht, einem Bekannten seines Vaters, um mit dessen neunjähriger Tochter zu spielen. Gegen 13 Uhr, so war ihm mütterlicherseits aufgetragen worden, sollte er sich wieder zu Hause zum Mittagessen einfinden. Die Albrechtsche Wohnung verließ der Junge um 12¾ Uhr. Albrecht hatte ihm noch eine Postkarte in die Hand gedrückt (ein Hakenkreuz - als aufgehende Sonne). Die sollte er seinem Vater übergeben.
Doch der Junge ist in der elterlichen Wohnung nicht mehr angekommen. Die Mutter wartete vergeblich mit dem Mittagessen. Sie hatte extra Kartoffelpuffer, und dass wußte Alfred, für ihren Sohn zubereitet. Schließlich war das seine Lieblingsspeise.
Seit der Knabe die Wohnung des Arbeiters Albrecht verlassen hatte, fehlt jeder Anhaltspunkt von ihm. Niemand konnte sich erklären, wie dieser Junge mitten am Tag unbemerkt einfach so verschwinden konnte. Alle sofort eingeleiteten Ermittlungen nach seinem Aufenthalt führten jedoch ins Leere. Selbst nach mehrtägiger intensiver Suche waren die Ermittlungsbeamten und Suchtrupps nicht in der Lage ein brauchbares Ergebnis vorweisen.
Der vermisste Alfred Praetorius war ein Junge, der von seinem Vater zwar sehr streng erzogen, aber nicht verprügelt oder misshandelt wurde. Er galt, als artig gutmütig und es bestand für ihn keine Veranlassung, nicht mehr in die elterliche Wohnung zurückzukehren.
Das zu Ende gehende Jahr 1933 brachte keine Veränderung. Noch immer hatte man den Jungen nicht gefunden und erst recht kein Lebenszeichen von ihm entdeckt. Doch am 4. Januar 1934 änderte sich diese unerträgliche Situation schlagartig.

In den Akten wird dieser Tag folgendermaßen geschildert:
"Am 4. Januar 1934 wurde im dichten Schilf auf dem Aufschüttungsgelände am Nordufer der Warnow, unterhalb der Chaussee Rostock-Dirkow, die Leiche des Praetorius gefunden. Um das Aufschüttungsgelände herum führt von der genannten Chaussee aus ein Promenadenweg an der Warnow entlang nach Gehlsdorf. Vom Promenadenweg wiederum führt ein Fußsteig durch das Aufschüttungsgelände zu einigen Gärten, die sich dahinter befinden. Etwa 19 m südöstlich dieses Steiges und etwa 70 m von dem Promenadenweg entfernt, lag die Leiche in typischer Schlafstellung. In Höhe der Fundstelle der Leiche steht am Promenadenweg ein Dornbusch.
Die Aufschüttung überragt an dieser Stelle den Promenadenweg um etwa 2 m, so daß man vom Promenadenweg aus nicht auf das Aufschwemmungsgelände hinauf oder in den dort befindlichen Schilfbestand hineinsehen kann.
Die Leiche lag auf der rechten Seite. Die Knie waren angewinkelt. Der Mantelkragen war hochgeschlagen und die Arme lagen vor der Brust, wobei die Hände in die gegenseitigen Rockärmel gesteckt waren.“ (Vergleiche. Mordfall Tesdorf).
„Die Leiche erweckte den Eindruck, als wenn Praetorius sich dort zum Schlafen niedergelegt hatte und erfroren war. Sie befand sich bereits in erheblich fortgeschrittenem Verwesungszustand.
Die Kleidung war in Ordnung. Allerdings befanden sich am Rockkragen und auch an den Strümpfen eine schwache braune Verfärbung und eine Anzahl dunkelrotbraune, kaum stecknadelkopfgroße Flecken. Die untersuchten Flecke haben sich als Rostflecken erwiesen. Ob sie mit dem Tod des Praetorius in Zusammenhang zu bringen sind, hat sich nicht klären lassen.
Irgendwelche Kampfspuren fanden sich am Fundort nicht.
In einer Tasche des Mantels stecken 7 Bilder aus 'Trumpf ' Schokoladenpackungen und 1 Bild aus einer 'Josetti' - Zigarettenpackung sowie ein Stück Zeitungspapier. Auch in unmittelbarer Nähe lag ein weiteres Stück Zeitungspapier sowie ein gerissenes Gummiverschnürungsband. Beide Stücke Zeitungspapier stammen von derselben Zeitung. Die Postkarte, die der Junge von Albrecht erhalten hatte und seinem Vater bringen sollte, war nicht mehr vorhanden.
Es ist festgestellt, daß Praetorius die genannten Bilder weder bei seinem Fortgang aus dem Elternhaus noch aus der Wohnung des Arbeiters Albrecht bei sich gehabt hat. Er muss sie also von unbekannter Seite in der Zwischenzeit erhalten haben. Das Zeitungspapier stammt offenbar von einer Pommerschen Zeitung, wie sie auch im östlichen Mecklenburg gelesen wird.

Die Obduktion der Leiche hat angeblich einen Knochenriss im rechten Stirnbein und eine Lösung der Naht zwischen rechtem Seitenwandbein und Keilbeinfuge bis zum Hinterhauptsknochen hin ergeben. Als Ursache der Kopfverletzung, die vorübergehende Bewusstlosigkeit herbeigeführt haben soll, wurde von den obduzierenden Ärzten eine stumpfe Gewalteinwirkung wie Überfahren durch einen Kraftwagen oder Kraftrad oder ein schwerer Sturz mit dem Fahrrade angenommen. Da die Schädelverletzung keine tödliche war, wurde weiter angenommen, daß der Knabe lebend erfroren sei. 

Anhaltspunkte für ein Sexualverbrecher fanden sich nicht. Zwischen den Sachverständigen ist bereits im Jahr 1934 Streit darüber entstanden, ob die Schädelverletzungen vor dem Tod oder nach dem Tode des Praetorius entstanden sind. Während die obduzierenden Ärzte an ihrer Auffassung festhalten, daß die Schädelverletzungen vor dem Tod des Praetorius entstanden sind, glaubt Reg. und Medizinalrat Dr. Pfreimbter einwandfrei nachgewiesen zu haben, daß es sich um Verletzungen handelt, die während der Sektion durch das Absägen der Schädeldecke, wobei zwecks Abhebung des Schädeldaches ein Stemmeisen benutzt worden ist, entstanden sind. Hiernach sind die Schädelverletzungen des Praetorius erst nach seinem Tod entstanden.
Die Obduktion der Leiche hat wie auch in allen anderen Fällen eine Todesursache nicht ergeben.“

Genau wie in den vorherigen Fällen blieb die Todesursache ungeklärt. Damit wollte man sich aber nicht zufrieden geben. Verzweifelt suchten die ermittelnden Beamten weiterhin nach der wirklichen Todesursache, jedoch ohne sie zu finden.


5.) Der Mordfall - Hans Korn in Lübeck 1934.

Nachdem man in Rostock den Schüler Alfred Praetorius tot aufgefunden hatte, verschwindet am 16. Januar 1934 in Lübeck, also 12 Tage später, der am 28. Februar 1925 geborene Hans Korn auf mysteriöse Art und Weise. Sein Unterricht war an diesem Tage gegen 10¾ Uhr beendet.
Gegen 11 Uhr erschien er in der elterlichen Wohnung, entledigte sich rasch sämtlicher Schulsachen und verließ die Wohnung sofort wieder. Die Bemerkung, daß er sich die zur Klingelhöge beflaggten Schiffe auf der Obertrave anschauen möchte, gab er noch kurz von sich, ehe er verschwand.

Lübeck-Obertrave. Im Hintergrund - die Marien- und Petrikirche. 

Schon auf dem Heimweg von der Schule (Domschule) zur Wohnung hatte er es unüblicherweise sehr eilig, was seinen Mitschüler Günter Weiss zu der Frage veranlasste: „Wohin willst du?", worauf Korn kurz mit: „Ich will zur Post" antwortete. Aber Weiss ließ nicht locker und fragte nach. Was er denn dort wolle? „Da steht ein Mann, der schenkt mir Schokolade", ließ Hans Korn verlauten und enteilte.
Auch dem 15 jährigen Schüler Wilhelm Wendt fiel der eilig laufende Korn auf. Gegen 11 Uhr sah er ihn in der elterlichen Wohnung in der Hafengrube 24 verschwinden, aber bereits kurze Zeit später wieder die Straße betreten. Daraufhin neugierig geworden, richtete Wendt an den Jungen die Frage, wohin er denn so eilig wolle. Korn antwortete im Vorbeigehen, daß er um 11 Uhr auf dem Marktplatz vor der Post von einem Mann erwartet werde.
Der Junge lief aber nicht in die Richtung zur Obertrave, wohin er, nach Angaben der Mutter hatte gehen wollen, sondern genau in die entgegengesetzte Richtung (Parade- Klingenberg).
Wilhelm Wendt war somit der Letzte der Hans Korn gesehen hatte. Von diesem Zeitpunkt ab verliert sich die Spur des Jungen. Alle eingeleiteten Ermittlungen nach seinem Verbleib verlaufen ohne Erfolg. Egal in welcher Form die Nachforschungen nach dem vermissten Jungen betrieben wurden, er war und blieb verschwunden.



Als am 20. Januar 1934 die Ehefrau Gielow, welche auf demselben Flur wie die Familie Korn wohnte, ihren Briefkasten öffnete, fand sie darin einen kleinen Zettel und 75 Pfennige. Auf dem Zettel war mit großen Druckbuchstaben der Name „HANS KORN" geschrieben.
Leider konnte man nicht feststellen, ob dieser Fund unmittelbar zu dem spurlosen Verschwinden von Hans Korn in Bezug zu bringen war. Angaben der Eltern zufolge, ist der Name auf dem Zettel von ihrem Jungen selbst geschrieben worden. Darüber waren sich beide einig.
Der abgängige Hans Korn wuchs wohlbehütet auf und wurde auch stets liebevoll behandelt. Deshalb gab es für ihn auch keinen Grund nicht ins Elternhaus zurückzukehren. Der Junge galt überall als wohlerzogen, artig und sehr gutmütig.
Einen Monat später, am 15. Februar 1934, fand man die Leiche des Jungen. Er lag in einer dichten Fichtenschonung in den Schlutuper-Tannen.
Vom Bericht der ermittelnden Beamten und Ärzte ist in den Aktenunterlagen folgendes erhalten geblieben:
"Die Fundstelle liegt etwa 400 m südöstlich der Einmündung der Chaussee Schlutup-Lübeck in die Chaussee Travemünde-Lübeck. Hier führt von der Schlutup-Lübecker Chaussee ein Waldweg in südwestlicher Richtung in das Lauer-Holz. Von diesem Waldweg lag die Leiche etwa 50 m und von der Uferböschung etwas 12 m entfernt. An dem Waldwege befindet sich in Höhe des Fundortes der Leiche ein einzelner Weidenkätzchen Busch.
Die Leiche machte den Eindruck, als wenn der Knabe im Schlafe verstorben war. Sie lag auf der linken Seite. Das rechte Bein war ausgestreckt und das linke in der Kniebeugen leicht eingewickelt. Die rechte Fußspitze lag unter dem linken Hacken. Die rechte Hand ruhte auf der Brust. Sie hielt zwischen den Grundgliedern des Zeige- und Mittelfingers den Rest einer Zigarette. Die linke Hand lag auf der Bauchhöhle und hielt eine Zigarettenschachtel Marke Loyd, in welcher zwei abgebrannte Streichhölzer und eine aufgeweichte Zigarette sich befanden. Etwa 20 cm links neben der Leiche lag eine gleiche Zigarettenschachtel mit drei Zigarettenstummeln und zwei abgebrannten Streichhölzern sowie eine halb geöffnete, aber volle Schachtel Streichhölzer.

An der Fundstelle und in ihrer Umgebung fanden sich keinerlei Spuren eines stattgefundenen Kampfes. Auch an der Leiche und an der Kleidung waren Spuren äußerer Gewalteinwirkung nicht festzustellen.
Die Obduktion der Leiche ergab, daß im oberen Dünndarm eine ganze Menge kaum verdauter Speisereste, hauptsächlich Feigenstücke, vorhanden waren. Kriminalistische Befunde ergaben sich nach Auffassung der beteiligten Beamten nicht.
Die Ärzte erstatteten ihr vorläufiges Gutachten dahin, daß der Tod höchstwahrscheinlich durch eine akute Herzerweiterung bei ungewöhnlicher Überfüllung des Magens mit Speisen eingetreten sei. Höchstwahrscheinlich lege auch eine akutere Hirnanschwellung vor. Eine Nikotinvergiftung, die nicht von der Hand zu weisen sei, habe auf den Zustand des Herzens mit eingewirkt. Der Mageninhalt und das Blut sowie die Zigarette und der Zigarettenrest wurden, obwohl sie sichergestellt waren, nicht untersucht, weil nach Auffassung der maßgebenden Ärzte und Beamten ein Verbrechen nicht in Frage kam.“

Alle damaligen Bemühungen, zwischen den Fällen Tesdorf in Ludwigslust, Praetorius in Rostock und Korn in Lübeck einen Zusammenhang zu finden, blieben ohne Erfolg. Die beiden Fälle Korn und Praetorius schienen den Obduktionsbefunden nach total anders gelagert zu sein, obwohl eine ganze Reihe von Punkten existierte, die nicht überzeugend erklärt werden konnten.


6.) Der Mordfall - Günther Tieke in Oranienburg 1934.

Der Oktober des Jahres 1934 ist der schlimmste Monat in Norddeutschland. Innerhalb von 14 Tagen verschwinden hier vier Knaben auf mysteriöse Art und Weise. In den Tageszeitungen werden immer wieder Suchmeldungen geschaltet, jedoch ohne Erfolg.
Seit dem 2. Oktober 1934 wurde der aus Oranienburg stammende Günther Tieke, geboren am 29. Juni 1927, vermisst. Als er gegen 8 Uhr die elterliche Wohnung im Adolf-Hitler-Damm 62 verließ, tat er dies mit der Absicht Kastanien in der Bernauer Straße zu sammeln. Für diesen Zweck hatte er einen Beutel bei sich.
Sein arbeitsloser Vater nahm ihn gegen 8½ Uhr auf dem Fahrrad mit zum Grundstück seines Bruders in die Rungestraße. Kurz nach 10 Uhr fuhr der Vater von dort wieder los, weil er sich noch einen Arbeitsnachweis besorgen mußte. Seinen Sohn Günther nahm er auf seinem Fahrrad noch bis zur Ecke Bernauer Straße-Mühlenpfad mit. Hier, so der Auftrag des Vaters, sollte er noch ein Weilchen Kastanien sammeln und dann wieder nachhause gehen. In die elterliche Wohnung ist Günther Tieke aber nicht mehr zurückgekehrt.
Noch am selben Tag informierten die besorgten Eltern die Polizei, doch die sofort eingeleiteten Nachforschungen nach dem vermißten Jungen verliefen erfolglos.
Günther Tieke war, so die einhellige Meinung über den Jungen, häuslich, anhänglich und vor allem pünktlich. Neigungen zum Herumtreiben besaß er keine. Körperliche Gewandtheit und ein ruhiges bescheidenes Wesen zeichneten ihn aus. Günther Tieke galt als ein sehr anständiger Junge, der auch aus moralischer Sicht ohne jeden Tadel blieb.

In der Bernauer Straße ist er, gerade, als ihn sein Vater abgesetzt hatte, noch von zwei Zeuginnen gesehen worden. Außerdem geben weitere Zeugen zu Protokoll:

  • Etwa 500 m von der Bahnüberführung entfernt, in der Nähe des Freihofschen Zeitungsverlages erkannte ihn seine Tante, Frau Battefeld. Das war etwa gegen 10½ Uhr.
  • Kurze Zeit später lief die Ehefrau Schmidt die Bernauer Straße entlang und sah kurz hinter der alten Oberförsterei Günther Tieke in Begleitung eines älteren Mannes. Dieser grau gekleidete Mann war sichtlich bemüht, den Jungen zu umgarnen und ihn für sich zu gewinnen. Der Mann ging mit dem Jungen eine Weile vor der Zeugin in Richtung Adolf-Hitler-Damm her. Beide unterhielten sich angeregt. Als sie schließlich zum Überholen ansetzte, wandte sie sich an Tieke mit den Worten, daß er überhaupt nicht aufpasse, denn überall liegen doch jede Menge Kastanien verstreut herum. Auf den Mann hat sie nicht weiter geachtet und kann deshalb auch keine Beschreibung über sein Aussehen abgeben.
  • Ein Zeuge wußte zu berichten, daß er Tieke in der Zeit zwischen 11 und 11½ Uhr vor dem Elternhaus des Schülers Gerhard Richter gesehen hat. Der Junge sei von der Stadt her kommend auf das Haus zugelaufen, aber ob er das Haus betreten hat, konnte der Zeuge nicht sagen.
  • Auch die Ehefrau Hohenstein konnte eine wichtige Beobachtung zu Protokoll geben. Sie sei, so berichtete sie, am Vormittag des 2. Oktober 1934 mit dem Fahrrad von der Seestraße zur Stralsunder Straße gefahren, als sie an der Ecke der verlängerten Moltkestraße (Schwarzer Weg)-Markgrafenstraße gegen etwa 11 Uhr auf Tieke, den Jungen kannte sie schon von Jugend an, in Begleitung eines alten Mannes traf. Dieser war, ihren Schätzungen nach, etwa 1,60 m groß. Außerdem war er unrasiert und lief nach vorn über geneigt.
  • Auch die Schülerin Grete Giese bestätigte die bisherigen Aussagen. Sie hatte Günther Tieke mit dem alten Mann im Schwarzen Weg, dann durch die Moltkestraße und schließlich in Richtung des Bismarckplatzes laufen sehen, wobei sich beide angeregt unterhielten. Der alte Mann sei, so Grete Giese, etwa 1,65 m groß gewesen, dabei etwas dick und hätte einen weiß-grauen Bart.
  • In der Roonstraße fegte an diesem Tage etwa gegen 12 Uhr, quasi noch vor dem Mittagessen, der Schüler Herbert Meibusch herumliegende Blätter zusammen, als er Günther Tieke gemeinsam mit einem alten Mann aus der Bismarckstraße kommen sah. Auf dem Bismarckplatz angekommen, hielten beide inne und Thieke begann Kastanien aufzusammeln, währenddessen der Alte den Beutel aufhielt. Kaum waren 5 min vergangen entfernten sich beide in Richtung Seestraße. Den Beutel voller Kastanien trug Tieke allein. Herbert Meibusch beschreibt den alten Mann folgendermaßen: „Der Mann war etwa 1,60 bis 1,65 m groß, trug einen grauen Hut, graue Kleidung und hatte einen weißgrauen Ziegenbart."
  • Eine weitere Beobachtung wurde vom Schüler Wolfgang Sturm zu Protokoll gegeben. Er hatte Tieke gemeinsam mit dem alten Mann etwa gegen 11:45 Uhr beobachtet, als beide unmittelbar an der letzten Eiche der verlängerten Moltkestraße standen. Der Alte hatte einen prallgefüllten Beutel in der Hand und Sturm beschreibt ihn als etwa 1,65 m groß, etwas dick, bekleidet mit einem grauen Anzug, grauer Hut und weißgrauem Spitzbart. Allerdings hatte er nicht bemerkt, aus welcher Richtung der alte Mann mit dem Jungen kam.

Günther Tiekes Spur verliert sich östlich des Oranienburger Bahnhofs ganz in der Nähe des Liegnitzsees. Fast ein ganzer Monat verging, ohne daß man etwas über den Vermißten in Erfahrung bringen konnte. Schließlich, am Ende des Monats Oktober, fand man den Knaben tot in einer dichten Kiefernschonung.

In den Akten ist über diesen Tag Folgendes nachlesbar:
„Am 29.Oktober 1934 wurde Günther Tieke als Leiche in erheblich verwestem Zustand etwa 3,5 km von Oranienburg entfernt in einer dichten, etwa 10 jährigen Kiefernschonung in typischer Schlafstellung aufgefunden. Der Körper war lang ausgestreckt, das linke Bein etwas angewinkelt, der linke Arm lang am Körper ausgestreckt und der rechte Arm rechteckig eingewinkelt. Der rechte Unterarm und der Bauch waren mit dem Kastanienbeutel, den Tieke mit sich geführt hatte, zugedeckt. In dem Beutel waren noch Kastanien enthalten. Es erweckte den Eindruck, als habe der Knabe sich selbst mit dem Beutel zugedeckt. Die Kleidung war in Ordnung. An dem Fundort und seiner Umgebung fanden sich keinerlei Spuren, die auf einen Kampf hindeuteten oder den Schluss zuließen, daß die Leiche von einem anderen Ort an den Fundort gebracht worden sei.
Die Entfernung des Fundortes von der Schneise, die von dem Landwege nach Schmachtenhagen abzweigt, beträgt etwa 25 m. Äußere Verletzungen konnten an der Leiche nicht festgestellt werden. Die Sektion der Leiche ergab eine Todesursache nicht und keinerlei Anhaltspunkte für das Vorliegen eines Sittlichkeitsverbrechens.
Die botanische und chemische Untersuchung der Leichenteile hat einwandfreie Befunde nicht ergeben. Die Annahme, daß Tieke infolge einer Pilzvergiftung zu Tode gekommen sei, ist durch nichts erwiesen. Sie ist eine bloße Vermutung.“

7.) Der Mordfall - Erwin Wischnewski in Brandenburg (Havel) 1934.

Unmittelbar, nachdem Günther Tieke in Oranienburg verschwunden war, ereignete sich bereits der nächste Fall, bei dem ein Kind vermisst wurde. Diesmal suchte man in Brandburg an der Havel nach dem Schüler Erwin Wischnewski, geboren am 11. März 1923.

Er verließ am 8. Oktober 1934, es waren gerade Schulferien, gegen 8 Uhr die elterliche Wohnung, um mit dem Fahrrad in die Göttinerstraße zu fahren. Dort im Garten der Eltern fütterte er die Enten und Kaninchen.
Gegen 9 Uhr war er bereits wieder zurück und schickte sich sofort an die Besorgung zu erledigen, die er an jedem Tag verrichten mußte. Zu den Pflichten des Junge gehörte es nämlich, täglich einen Handwagen voll mit Pferdedung von der Straße aufzusammeln. Erst danach durfte Erwin, das hatte ihm die Mutter gestattet, noch den restlichen Vormittag auf der Straße spielen, was ihn sehr erfreute. Allerdings sollte er pünktlich 13 Uhr zum Mittagessen erscheinen. Damit war der Knabe einverstanden, erklärte aber, daß er nicht vorher zurückkommen werde.
Von diesem Zeitpunkt an verliert sich die Spur des Erwin Wischnewski. In die elterliche Wohnung ist er nicht mehr zurückgekehrt und bereits am späten Nachmittag lief eine umfangreiche Suchaktion an, die jedoch ergebnislos verlief.
Wie auch in den anderen bisherigen Vermisstenfällen blieben die Suchtrupps weiterhin im Einsatz und durchsuchten weiträumig die gesamte Umgebung. Immer ohne Erfolg. Jede Suche verlief im Sande.
Erwin Wischnewski galt als etwas vorlaut und ein wenig ängstlich. Charakterlich war es nicht zum Besten bei ihm bestellt, den mehrere Male hatte er bereits seinen Lehrer belogen und die Unterschrift unter seinem Zeugnis, war auch nicht die seiner Eltern, sondern seine eigene. Letztendlich bestritt er noch die Fälschung. Aber auch weitere zahlreiche Streiche gehen auf sein Konto.
Eine besonders starke Anziehungskraft übte Geld auf ihn aus. Überall wo es Geld zu verdienen bzw. zu erlangen gab, war er dabei. Er nutzte dafür jede sich ihm bietenden Gelegenheit. Im Anschluss vernaschte er das Geld gleich wieder.
Als sich am 10.November 1934 ein Pilzsammler durch eine dichte Kiefernschonung im altstädtischen Forst kämpfte, stieß er auf die Leichen von Erwin Wischnewski.
Die weitere Beschreibung liefern uns wieder die Akten:
„Die Schonung liegt zwischen der Chaussee Brandenburg-Fohrde und der Bahnstrecke Brandenburg-Pritzerbe. Sie grenzt in ihrem östlichen Teil an freies Ackergelände. Von diesem lag die Leiche nur etwa 5 m entfernt. Die Schonung ist hier so dicht, daß die Fundstelle nur mühevoll durch Zurückbiegen der dichten Kiefernzweige zu erreichen ist. An der Fundstelle selbst und in ihrer näheren Umgebung sind weder Spuren eines voraufgegangenen Kampfes noch sonst irgendwie verdächtige Merkmale gefunden worden. Die Leiche befand sich in typischer Schlafstellung. Sie lag auf dem Rücken. Das Gesicht war nach oben gerichtet und beide Arme angewinkelt. Die rechte und die linke Hand ruhten auf der Brust. Die Beine waren angezogen. Der linke Unterschenkel ruhte auf dem inneren Teil des rechten Unterschenkels, und zwar so, daß sich die inneren Flächen der Knie und Fußgelenke berührten.
Die Leiche befand sich in erheblich verwestem Zustand. Die Obduktion der Leiche ergab keine Anhaltspunkte für die Todesursache." 

Die obduzierenden Ärzte gaben ihr vorläufiges Gutachten dahin ab: „Es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß der schlecht ernährte schwächliche Junge infolge Erschöpfung und übergroßen Wärmeverlustes während des Liegens über Nacht im Freien gestorben ist.“

Bereits am Tage der Auffindung der Leiche des Erwin Wischnewski läuft der polizeiliche Ermittlungsapparat erneut auf Hochtouren. Die Bürger der Stadt rief man zur Mithilfe auf und jede, auch noch so belanglose Beobachtung, welche mit dem Tod des Wischnewski in Verbindung gebracht werden könnte, sollte umgehend  gemeldet werden.
Daraufhin meldete sich die Ehefrau Stortz aus der Fohrderlandstraße Parzelle 7 und gab folgendes zu Protokoll.
An einem Sonntag- oder Montagnachmittag Anfang Oktober 1934 sei sie gemeinsam mit ihrer Tochter in ihrem Garten an der Chaussee Brandenburg-Fohrde beschäftigt gewesen, als diese sie plötzlich auf ihren früheren Spielgefährten Wischnewski hinwies, der auf der Chaussee gerade in diesem Moment am Gartengrundstück vorbeilief. Als Frau Stortz aufblickte, sah sie außer Erwin Wischnewski noch einen älteren, ihr aber völlig unbekannten Mann. Beide liefen in Richtung Fohrde. Der alte Mann erzählte dem links neben ihm laufenden Jungen gerade etwas, während der Knabe gespannt zuhörte. Mit schnellen, zügigen Schritten liefen beide in einer Entfernung von fünf bis 10 m an den Zeugen im Garten vorbei, ohne diese überhaupt zu bemerken.
Die Ehefrau Stortz gibt zu Protokoll, daß der Mann circa 60 Jahre alt gewesen sein muß. Außerdem hätte er einen ungepflegten grauen Schnurrbart gehabt, keinen Mantel getragen und auch kein Gepäck. Allerdings, so glaubt sich die Zeugin zu erinnern, eine Kopfbedeckung oder einen Hut bei dem alten Mann gesehen zu haben. Seine Kleidung sei nicht „sonntagsmäßig“ gewesen, sondern hätte eher einen „schäbigen“ Eindruck hinterlassen. Die Größe des Mannes schätzte Frau Stortz auf 1,63 m.
Das sei aber auch schon alles, was sie als Zeuge zur Beschreibung beisteuern könne, entschuldigte sich die Frau, denn eingehender hätte sie ihn nicht betrachtet.
Im Nachhinein hat sich nicht mehr klären lassen, wann Frau Stortz diese Beobachtungen gemacht hatte, ob am Sonntag dem siebenten oder am Montag, dem 8.Oktober1934.
Den Angaben der Mutter des Wischnewski zufolge war der Junge am Sonntag, dem 7. Oktober 1934 in der Zeit von 14 bis 18 Uhr auf der Straße zum Spielen gewesen. Wo er sich dort allerdings genau aufgehalten hat, wussten die Eltern auch nicht.
Erwin Wischnewski kannte sich in der gesamten Gegend sehr gut aus. Auch dort, wo ihn die beiden Zeuginnen Stortz gesehen hatten. Das angrenzende Waldgebiet, in welchem er am 10.November 1934 tot aufgefunden wurde, war ihm durch häufige Spaziergänge mit den Eltern genauestens bekannt. Der Weg, auf dem er mit dem alten Mann ging, führte direkt zu der Schonung, in der man ihn tot fand.
Ein anderer Sonntag als der 7.Oktober 1934 kommt für die Beobachtung der Zeuginnen Mutter und Tochter Stortz nicht in Frage. An den vorherigen Sonntagen war Erwin Wischnewski mit seinen Eltern zusammen. Auch ein anderer Wochentag als Montag kann genauso wenig in Betracht gezogen werden, da Frau Stortz an sämtlichen anderen Nachmittagen in den Brennaborwerken gearbeitet hatte.
Bemerkenswert ist auch die Aussage des Schülers Hans Grunow. Er wurde, so berichtete Grunow, einige Tage nach dem 5.Oktober 1934, zwischen 19 und 20 Uhr, als er die Jakobstraße entlanglief, von einem circa 60-65 Jahre alten Mann angesprochen. Der hielt eine Weintraube in der Hand und bot ihm diese an. Aber Grunow lehnte die Weintraube von diesem alten Mann ab und ging eiligst weiter. Der Alte murmelte daraufhin noch etwas in seinen Bart, was Hans Gruber aber nicht verstand.

8.) Der Mordfall - Arthur Dill und

9.) Der Mordfall - Edgar Dittrich, genannt Eipel, in Neuruppin 1934.

Der Monat Oktober 1934 waren gerade einmal zur Hälfte vorbei, als erneut Knaben als vermisst gemeldet wurden. Diesmal in Neuruppin. Am 16. Oktober 1934 wurden die beiden Knaben Arthur Dill, geboren am 6. Februar 1930 und der im gleichen Haus Steinstraße Nr. 12 wohnende Edgar Dittrich, genannt Eipel, als abgängig gemeldet. Beide hatten die elterliche Wohnung gegen 13½ Uhr verlassen, denn sie wollten auf der Straße spielen.
Noch gegen 17 Uhr wurde Edgar Dittrich von der Ehefrau Elsässer in der Steinstraße angetroffen und gefragt, wohin er denn wolle, worauf der Junge nur mit: „...weg“ antwortete. Eipel kam zu diesem Zeitpunkt aus der Kommissionsstraße und lief eiligen Schrittes in die Friedrich-Wilhelm-Straße, welche zum Schlossgarten führte. Arthur Dill befand sich zu diesem Zeitpunkt nicht bei ihm.
Aber bereits kurze Zeit später fielen dem Bierfahrer Fischer Dill und Eipel im Schlossgarten auf.

Beide spielten friedlich miteinander. Da es aber bereits später Nachmittag war, sah sich Fischer genötigt die Kinder darauf aufmerksam zu machen. So rief er Dill zu, daß es schon ziemlich spät sei und er machen solle, daß er nachhause komme.
Allem Anschein nach war der Bierfahrer Fischer der Letzte, der die beiden Knaben lebend gesehen hatte, denn seit diesem Zeitpunkt fehlte jeder Anhaltspunkt für deren Verbleib. Weitere Zeugen gab es nicht. Lediglich einen akustischen Hinweis hätte man mit dem Aufenthaltsort der Vermißten in Verbindung bringen können.
An diesem 16. Oktober 1934 sammelten die Ehefrau Schobrick und Schönfeld gemeinsam im städtischen Forst Holz, als sie auf dem Rückweg nach Neuruppin, es war etwa gegen 17½ Uhr, Schreie eines Kindes im Walde hörten.
Die Schreie kamen aus der Richtung vom Kuhburgsberg (Chaussee Wittstock-Neuruppin) und als beide aufmerksam horchten, konnten sie nur noch die kläglichen Rufe: „Mutti-Mutti" vernehmen, dann war es wieder still im Wald. Beide Frauen beschlich bei diesen jämmerlichen Rufen ein ungutes Gefühl, deshalb blieben sie noch eine ganze Weile stehen und lauschten angestrengt. Doch als letztendlich alles ruhig blieb, setzten sie ihren Heimweg fort.
Noch am Abend des 16. Oktober 1934 erstatteten die Eltern beider Kinder eine Vermisstenanzeige bei der Polizei, worauf am nächsten Tag eine große Suchaktion anlief. Die Polizei begann unter Mitwirkung, zusätzlich zu ihren eigenen Beamten, Soldaten und Leute des Arbeitsdienstes in die Wälder und die Umgebung von Neuruppin zu verteilen, um nach den beiden vermißten Knaben zu suchen.
Schon kurz nach Sonnenaufgang des 17. Oktober durchkämmten die Suchtrupps das unmittelbare Gelände und bereits gegen Mittag hatten sie, allerdings erfolglos, ein riesiges Areal überprüft. Erst am späten Nachmittag führte diese groß angelegte Suchaktion schließlich zum „Erfolg“.
Beide Kinder entdeckte man in einer dichten Kiefernschonung in typischer Schlafstellung eng umschlungen aber - tot.

Für die Akten wurde dazu der nachfolgende Auszug aus den Polizeiunterlagen übernommen:
„Die Fundstelle liegt etwa 20 m südwestlich eines Verbindungsweges zwischen den Chausseen Neuruppin-Altruppin und Neuruppin-Wittstock. Die Entfernung von der Altruppiner Chaussee beträgt etwa 200 m. Die Leichen boten den Anblick friedlich entschlafener Kinder. Dittrichs rechter Arm lag über dem Hals von Dill. Das linke Bein von Dill ruhte zwischen den Oberschenkeln von Dittrich. Dittrich küsste noch im Tod Dill.
Neben den Leichen lagen Stücke von einem Fliegenpilz und etwas weiter entfernt (50 cm) ein Haufen Kastanien. Dill hatte ein Stück Fliegenpilz zwischen den Lippen. Aus den Mündern der beiden Knaben quoll eine gelbe glänzende Flüssigkeit. Äußere Verletzungen waren an beiden Leichen nicht wahrzunehmen. Der Hosenschlitz von Dittrich war geöffnet. Im Übrigen war die Kleidung beider Kinder in Ordnung. Der Fundort und seine nähere Umgebung zeigten keinerlei Kampfspuren oder sonstige Anhaltspunkte, die kriminalistisch auswertbar waren.
Die Obduktion der beiden Leichen ergab keine Todesursache. Äußere Gewalteinwirkung oder ein Sittlichkeitsverbrechen konnte nicht festgestellt werden.
Die chemischen, botanischen und biologischen Untersuchungen erbrachten keinerlei Beweis für das Vorliegen einer Pilzvergiftung, wenn auch der Gutachter sich darin ausgesprochen hat, daß der Tod der Kinder wahrscheinlich auf eine Vergiftung durch Fliegenpilze zurückzuführen sei, obwohl bei Eipel keinerlei Bestandteile eines Fliegenpilzes und bei Dill, der ein Pilzstück zwischen den Lippen gehabt hatte, solche weder im Munde selbst noch im Magen und Darm nachgewiesen werden konnten.
Bei der Obduktion des Dittrich wurde jedoch festgestellt, daß sich in dem etwas geöffneten After ein 1,8 cm langer und bis zu 0,8 cm breiter schalenartiger Streifen befand, der sich später bei der mikroskopischen Untersuchung als Apfelschale auswies.“ (Vergleiche Mordfall Thomas - Kiefernnadeln im After).

10.) Der Mordfall - Hans-Joachim Neumann in Schwerin 1935.

Als der Schüler Hans Joachim Neumann, geboren am 5. Oktober 1923, aus Wismar am Sonnabendmorgen aufstand, freute er sich schon mächtig auf diesen Tag. Denn er durfte an diesem 16. Februar 1935, mit der Einwilligung seiner Eltern im Auto des Fischhändlers Franz Kowalski nach Schwerin mitfahren, um einigen Verwandten und einem früheren Mitschüler einen Besuch abzustatten.
Gegen 12 Uhr am Mittag sollte dann die Rückfahrt von Schwerin nach Wismar angetreten werden. Aber bereits vor Fahrtantritt redete Kowalski dem Jungen ins Gewissen sich spätestens zu diesem Zeitpunkt auf dem Schlachtermarkt, wo er immer seinen Fischverkaufsstand aufzustellen pflegte, einzufinden und sich keinesfalls zu verspäten. Der Junge versprach pünktlich zu sein.
Beide fuhren also los und so gegen 9 Uhr kamen sie in Schwerin an. Dort half Hans-Joachim Neumann dem Kowalski zunächst erst einmal beim Aufbau des Verkaufsstandes auf dem Schlachtermarkt. Nach etwa 10 min schickte ihn der Fischhändler aber los, worauf sich der Junge  auf den Weg in die Güterbahnhofstraße zu seinem Freund machte.
Kowalskis Fischverkauf lief an diesem Vormittag sehr gut, sodass er bis zum Mittag seine gesamte Ware an den Mann gebracht hatte. Bereits vor 12 Uhr stand er deshalb abfahrbereit auf dem Schlachtermarkt und wartete. Aber Neumann erschien nicht. Kowalski, ein Mann mit einer Engelsgeduld harrte noch bis 13 Uhr in der Hoffnung aus, daß der Junge im nächsten Moment erscheint. Aber vergeblich. Hans-Joachim Neumann tauchte nicht mehr auf. Schließlich trat er die Rückfahrt nach Wismar ohne Hans Joachim Neumann an.
Franz Kowalski fuhr deshalb noch bei den Eltern des Neumann vorbei, um sie darüber zu informieren, daß ihr Sohn nicht wieder mit zurückgekommen war. Das Ausbleiben des Jungen beunruhigte die Eltern zunächst aber erst einmal nicht, da sie glaubten, daß ihr Sohn entweder bei den Verwandten oder dem Freund geblieben wäre. Beide Elternteile gingen fest davon aus, daß der Junge am Sonntag mit der Bahn zurückkommen würde.

Der Schüler Hans-Joachim Neumann war an diesem Februartag weder bei seinen Verwandten noch bei seinem Freund eingetroffen. Trotz intensivster Recherche konnte nicht einmal festgestellt werden, welchen Weg er vom Schlachtermarkt aus genommen und in welchen Schweriner Straßen er sich überhaupt aufgehalten hatte.
Die sofort mit allen verfügbaren Einsatzkräften durchgeführte Suchaktion blieb ohne Erfolg. Daraufhin intensivierte und erweiterte man die Suche nochmals, denn inzwischen wurde ein weiterer Schüler aus Schwerin als vermisst gemeldet (siehe 11. Der Mordfall Zimmermann). Doch, Hans-Joachim Neumann war wie vom Erdboden verschluckt. Es gab nicht den geringsten Anhaltspunkt darüber, wo er sich evtl. befinden könnte. Kein Hinweis, kein Zeuge, keine Laufrichtung – nichts!
Täglich durchkämmten die Suchtrupps unermüdlich die Gegend. Doch die Monate vergingen und obwohl die Fahndung kontinuierlich unter Hochdruck weiterlief, blieb der Junge unauffindbar. Erst in der zweiten Junihälfte 1935 fand man den Knaben endlich. Er lag tot in einer dichten Schonung. In den Akten wird die Auffindung des Hans-Joachim Neumann folgendermaßen dargestellt:
„Am 20. Juni 1935 wurde die Leiche des Neumann von Suchhunden des Polizeipräsidiums Berlin in einer dichten Kiefernschonung südwestlich des Plater Weges in den Krebsförder Tannen im Buchholz gefunden. Die Schonung ist von der Schonung, in welcher der Knabe Zimmermann (vgl. 11. Mordfall) am 31. Mai 1935 gefunden wurde, nur durch eine Schneise getrennt. Sie trägt den gleichen Charakter. Die Eingänge von den Schneisen zu den Fundstellen liegen nur 40 m auseinander. Die Fundstelle Neumann liegt 190 m vom Plater Weg und 26 m von der durch die beiden Schonungen führenden Schneisen entfernt.

Die Leiche war ungefähr 40 cm tief in den Boden eingescharrt. Sie lag in typischer Schlafstellung etwas auf der linken Seite, der Kopf war nach links geneigt, das Kinn lag fast auf der Brust, und die Knie waren eingezogen. Die Arme lagen gekreuzt auf den Körper, das linke Handgelenk über dem rechten. Die Kleidung war völlig in Ordnung, der Kragen des Mantels hochgeschlagen und die grüne Schülermütze ziemlich tief in das Gesicht gezogen.

Die Einscharrung der Leiche, bei der ein Spaten oder ein ähnliches scharfes Instrument nicht verwandt zu sein scheint, ist ebenso wie die Einscharrung des Knaben Zimmermann mit größtem Geschick ausgeführt. Auch diese Einscharrung ist ebenso wie im Fall Zimmermann nicht an einer Stelle zwischen den einzelnen Baumreihen, was bei der Dichte der Schonung nahe gelegen hätte, sondern innerhalb einer Pflanzenreihe selbst erfolgt, wodurch sich die Leiche zum Teil unter den Wurzeln der Bäume befand. Die Baumwurzeln waren sorgsam über die Leiche gelegt, sodass man auch später durch etwaiges Absterben eines Baumes nicht auf den Verscharrungsort aufmerksam hätte werden können.
Die Erdschicht über der Leiche war in ihrem oberen Teil fest, da sie anscheinend mit den Füßen gestampft worden ist. Über die Scharrstelle war sorgsam der dicke Moosteppich gelegt, der sich auch in dieser Schonung findet und der vorher aufgetrennt und beiseite gerollt sein muß, ohne daß das Moos in seinem Wachstum behindert worden war. Hierdurch ist erreicht worden, daß die Scharrstelle dem menschlichen Auge verborgen blieb.
Aus der Lage der Leiche und dem Sitz der Kleidung ist zu schließen, daß die Leiche in das Scharrloch hineingezerrt worden ist, weil der Täter das Loch für die Länge der Leiche nicht groß genug angelegt hatte. Wahrscheinlich sind ihm Baumwurzeln am Kopf- und am Fußende der Leiche ein Hindernis gewesen.
Irgendwelche Kampfspuren konnten am Tatort nicht festgestellt werden. Wohl aber wurden in der Schonung zwei dicke Birken gefunden, die Schnittflächen aufwiesen. Die erste Birke steht etwa 10 m von der Schneise entfernt, die 2. Birke etwa 35 m. Zwischen diesen beiden gekennzeichneten Birken lag die Leiche des Neumann. Der Fundstelle gegenüber steht an der Schneise einsam eine kleine Birke.
Die Sektion der Leiche hat eine Todesursache sowie Anhaltspunkte für ein Sittlichkeitsverbrechen nicht ergeben. Die chemische und botanische Untersuchung der inneren Leichenteile und der Kleidung des Neumann ist ohne Befund geblieben.“


11.) Der Mordfall - Heinz Zimmermann in Schwerin 1935.

Kaum war eine Woche vergangen und der Fall des unauffindbaren Hans-Joachim Neumann noch allgegenwärtig, als bereits ein neuer Vermisstenfall bekannt wurde.
Der Schüler Heinz Zimmermann, geboren 6. November 1920, war am 23. Februar 1935, einem Sonnabend, urplötzlich in Schwerin verschwunden. Wenige Minuten nach 8 Uhr hatte er die elterliche Wohnung im Obotenring 121 verlassen. Sein Ziel war der „Alte Garten“, denn dort mußte seine gesamte Klasse gegen 8¼ Uhr antreten, da für diesen Tag ein Wandertag anberaumt war.
Alle Schüler waren anwesend, nur Heinz Zimmermann erschien nicht. Auch auf dem Weg zum Treffpunkt ist er von keinem seiner Mitschüler gesehen worden. In der Küche der Girozentrale, in der er sein tägliches Mittagessen erhielt, erschien er ebenfalls nicht.
Über Zimmermann gab es nur Gutes zu berichten. Er war gutmütig, folgsam und artig, sowie in sittlicher Hinsicht völlig unverdorben. Bestrebungen und Neigungen zum Herumtreiben waren ihm fremd. Allerdings verspätete er sich mitunter etwas, nämlich immer dann, wenn mit ihm beim Eintauschen von Zigarettenbildern, die er eifrigst sammelte, die Sammelleidenschaft durchging.
Der Weg den der Junge am 23. Februar vom Obotenring zum „Alten Garten“ gehen mußte, führte durch die Wallstraße, anschließend durch die Rostocker- und die Graf-Schackstraße oder Orleansstraße zum „Alten Garten“. Welchen Weg Heinz Zimmermann tatsächlich genommen hat, konnte nicht festgestellt werden.

  • Allerdings ist Heinz Zimmermann etwa gegen 9½ Uhr von Frau Erler, einer Mitbewohnerin des Hauses Obotenring Nr. 121 gesehen worden. Er kam zu diesem Zeitpunkt aus der Elisabethstraße und lief in die Königstraße direkt in den Zigarrenladen Königstraße 15, wo er aber kurze Zeit später bereits wieder herauskam.
  • In der Zeit zwischen 11 und 11½ Uhr bemerkte die Schülerin Erika Martens den jungen Zimmermann, den sie genau kannte, auf dem Ziegenmarkt. Er lief in Richtung Münzstraße und blickte dabei vor sich nieder, gerade so, als ob er im Rinnsteig etwas suchte. Die beiden Zeuginnen haben keinen Begleiter bei Zimmermann bemerkt.
  • Eine weitere Beobachtung kann die Ehefrau Gertrud Klicks beisteuern. Frau Klicks, wohnhaft Hagenowerstraße Nr. 18 am Rande der Stadt Schwerin, hatte sich auch an jenem Sonnabend, wie sie es immer an Sonnabenden zu tun pflegte, aufgemacht, um im Zentrum der Stadt ihre Einkäufe und Besorgungen zu tätigen. Gegen 12 Uhr befand sie sich auf dem Rückweg in ihre Wohnung, als sie in der Nähe der ersten Schlossbrücke einen älteren Mann mit einem Jungen bemerkte. Die Beiden liefen auf der rechten Straßenseite in Richtung Schlossgarten circa 3-5 Schritte vor der Zeugin Klicks her. Sie bemerkte, daß der Mann unaufhörlich auf den Knaben einredete. Das Alter des Mannes schätzte sie auf etwa 60-65 Jahre. Gepäck trug er nicht bei sich. Nachdem beide die zweite Schlossbrücke erreicht hatten, folgte der Mann nicht dem dahinterliegenden Straßenzug, sondern bog mit dem Jungen zu den im Schlossgarten befindlichen Laubengängen ab. Der Zeugin Klicks fiel auf, daß der alte Mann die rechte Hand des Jungen, die er durch seinen linken Arm gezogen hatte, mit seiner rechten Hand gewaltsam festhielt. Somit war der Knabe gezwungen, eingehakt neben dem Mann herzulaufen. Unmissverständlich war zu erkennen, daß der Knabe nur mit Widerwillen folgte. Als er fast stehen und etwas zurückblieb, sah es so aus, als ob der alte Mann den Jungen einfach weiterzog. Bei der Zeugin Klicks verstärkte sich die Annahme, daß es sich bei den Beiden um den Großvater und den Enkel handelte, die beide in Streit geraten war. Die Zeugin verlor das Pärchen aber aus den Augen, da beide durch den östlichen Laubengang weiter in den Schlossgarten hineingingen, währenddessen sie die Straße in Richtung Fauler See weiterlief.

Von diesem Zeitpunkt an verliert sich die Spur des Heinz Zimmermann. Zunächst blieben die Ermittlungen nach seinem Verbleib ohne Ergebnis.

  • Der Hilfsregistrator Paul Heinze stand an diesem 23. Februar 1935 in der Mittagszeit, zwischen 12 und 13 Uhr, in der Gartenpforte seines Hausgartens Ludwigsluster-Straße 20, an der Schwerin-Ludwigsluster Chaussee, als er einen älteren Mann mit einem Jungen von Schwerin her kommend in Richtung Buchholz gehen sah. Beide liefen auf dem Fußgängersteig in einer Entfernung von etwa 10 m an dem Zeugen Heinze vorbei, der von dem alten Mann mit einem „Guten Tag“ begrüßt wurde, worüber dieser sich wiederum wunderte, da er den Alten überhaupt nicht kannte. Paul Heinze erwiderte aber freundlich den Gruß, um gleichzeitig neugierig nachzufragen, wie es denn komme, daß der Junge gar nicht in der Schule bzw. mit der Hitlerjugend unterwegs sei. Der Opa sei wohl zu Besuch? Ehe der Junge irgend etwas sagen konnte, hatte der Mann schon mit „Ja“ geantwortet, um gleichzeitig noch hinzuzufügen, so die Erinnerung des Zeugen Heinze, daß der Junge krank sei. Der aber blieb still und machte auch keine Anstalten, als ob er etwas sagen wollte. Paul Heinze fiel das sonderbare Benehmen des Knaben auf. Irgendwie erschien der ihm beschämt, und befangen zu sein. Er machte sich an den Chausseesteinen zu schaffen und erweckte mit seinem Verhalten den Anschein, der Zeuge solle ihn bloß nicht sehen. Heinze gewann außerdem den Eindruck, daß der alte Mann ständig bemüht war, durch seine Person den Jungen zu verdecken.

Der Vermisstenfall Zimmermann ähnelt ganz stark dem Fall Neumann. Hans-Joachim Neumann war eine Woche vorher verschwunden, ebenso, wie den bereits genannten tot aufgefundenen Kindern vorher, passte fast alles bis aufs Detail. Daß hier Zusammenhänge bestanden, ließ sich deshalb nicht mehr von der Hand weisen. Diese Ähnlichkeiten überzeugte alle, und sämtliche notwendigen Maßnahmen zur Ergreifung des, oder der Täter, wurden von sämtlichen ermittelnden Stellen mitgetragen. Eine große Fahndungsaktion, unter gleichzeitiger Mitwirkung der Staatsanwaltschaft Schwerin und Neuruppin, sowie der Berliner Mordkommission wurde nun in Gang gesetzt..
Bereits am 24. Februar wurden im Buchholz umfangreiche Suchaktionen nach dem Schüler  Heinz Zimmermann durchgeführt, die sich bis zum 31. Mai 1935 ausdehnten. Bereits ab Anfang Mai 1935 konzentrierten sich die Suchmannschaften hauptsächlich nur noch auf die Krebsförder Tannen.

Vorschau:
Anfang April 1935 wurde Seefeldt verhaftet, verhört und man hatte dabei festgestellt, daß er andere Knaben besonders in diesen Teil des Buchholzes entführt und sie dort für unzüchtige Handlungen mißbraucht hatte (vgl. Fall - Wollenberg, Schmidt, Paschen).

Kriminalrat Hans Lobbes von der Berliner Mordkommission schildert in einem Beitrag 1936 zum Fall Seefeldt (verschleierte Kapitalverbrechen) folgendes:

„Durch intensive Kleinarbeit war es den vorher genannten Stellen gelungen, das Gelände, wo Hans Neumann und Heinz Zimmermann verschwunden waren, näher festzulegen. Beide mussten in den mit fast undurchdringlichen Schonungen durchsetzen Waldungen, zwischen Schwerin und Ludwigslust zu finden sein. Alle Bemühungen, die Kinder zu finden, blieben vorerst erfolglos, obwohl ein starkes Aufgebot von Polizeibeamten, Hilfsmannschaften und auch acht Diensthundführer mit Hunden ohne Spezialabrichtung die Waldungen monatelang durchsuchten. Nach diesen vergeblichen Bemühungen forderte die Staatsanwaltschaft Schwerin von der Kriminalpolizei Berlin deren Suchhunde an.
Am 31. Mai 1935 früh 8 Uhr wurden sie in dem Buchholzer Forst eingesetzt. In den drei ersten Schonungen war das Abspüren ohne Erfolg. In der vierten Schonung zeigten die Hunde durch Scharren und Kratzen am Erdboden besonderes Verhalten an. Die Kratzstelle zeigte nichts Auffälliges und hob sich in keiner Weise von dem Erdboden der Umgebung ab.
Vorsichtig wurde an dieser Stelle nachgegraben. In einer Tiefe von etwa 30 cm wurde Stoff und darunter eine Hand sichtbar und die Leiche des seit dem 23.2.1935 vermißten Schülers Heinz Zimmermann wurde freigelegt.
Zimmermann war außerordentlich raffiniert vergraben worden. In der Breite und Länge der Grabstelle war das Moos mit einem scharfen Instrument senkrecht durchschnitten und vorsichtig abgehoben worden. Die darunter liegende Erde muß der Täter beim Ausheben auf eine dichte Unterlage geschüttet haben, denn Erdreste wurden an der Grabstelle nicht gefunden. Nach dem Hineinlegen der Leiche ist das Erdloch mit der ausgehobenen Erde wieder zugeschüttet worden und das vorher abgehobene Moos ist wieder genau in den Ausschnitt eingepasst worden.
Die überflüssige Erde muß der Täter weggeschafft haben, denn in der näheren Umgebung der Fundstelle der Leiche wurde sie nicht gefunden. Die zur Unkenntlichmachung der Grabstelle wieder aufgelegte Moosschicht war infolge der Länge der Zeit wieder mit dem Erdboden verwachsen und nichts ließ darauf schließen, daß an dieser Stelle ein Toter ruhte. Das weitere Abspüren der Waldungen und Schonungen der Buchholzer Forst nach dem noch fehlenden Schüler Hans Neumann wurde bis zum 7. Juni 1935 ohne Ergebnis fortgesetzt.
Da zu den Pfingstfeiertagen starker Ausflugsverkehr nach der Buchholzer Forst zu erwarten war, wurde die Weitersuche vorläufig abgebrochen.
Am 14. Juni 1935 wurde die Suche wieder aufgenommen. Die Wetterverhältnisse während der ganzen Suchaktion waren für die Spürarbeiten ungünstig. Es herrschte große Hitze und in den etwa 20jährigen Schonungen, die von den Hunden und ihren Führern durchkrochen werden, mussten, herrschte völlige Windstille und stickige heiße Luft.
Am 19. Juni 1935 setzte ein starker und anhaltender Regen ein, der erfahrungsgemäß günstigere Suchbedingungen bringen mußte. Es ist nämlich eine Erfahrungstatsache, daß diejenigen meteorologischen Einflüsse für die Erhaltung des Geruches und demgemäß zur Wahrnehmung durch den Hund günstig sind, welche den Geruch am Erdboden festhalten. Dies ist der Fall, wenn die Lufttemperatur unmittelbar über dem Erdboden niedriger ist als darüber, wenn also die schwerere Luft unten liegt. Der anhaltende und starke Regen, der am 19. Juni 1935 in der Buchholzer Forst 8,1 mm betrug, hat diese Erkenntnis neu bestätigt.
Am 20. Juni 1935 regnete es nicht mehr. Der Erdboden war stark durchnässt und es rieselte beim leichten Windhauch Wasser von den Bäumen. Die Hunde spürten infolge der günstigen Wetterlage freudig und äußerst lebhaft.
Um 9.15 Uhr kratzten und scharrten sie in einer Schonung Moos und Sand weg. Auch diese Kratzstelle zeigte nichts Auffälliges, sie hob sich auch nicht von dem Aussehen des umliegenden Erdbodens ab. Vorsichtig wurde etwas Moos entfernt und mit einem Spaten wurde der Erdboden etwa 15 cm breit schachtförmig ausgehoben.
Nach zwei Spatenstichen wurde ein Stück grünen Stoffes (Schülermütze) sichtbar und Leichengeruch drang aus der Bodenöffnung. Der seit dem 16. Februar 1935 vermisste Schüler Hans Neumann wurde freigelegt."

"Die Abbildung zeigt die Schonungen, in denen die beiden Schüler vergraben lagen. Der besondere Wert der Hundearbeit lag darin, daß durch den Nachweis des Vergrabens der Leichen erst der Beweis eines Verbrechens erbracht worden ist. Die ursprüngliche Annahme eines natürlichen Todes wurde damit hinfällig."

Auch die Akten liefern noch weitere wertvolle Details:
„Am 31. Mai 1935 gelang es, mit den Suchhunden des Polizeipräsidiums Berlin die Leiche des Heinz Zimmermann in einer Schonung südwestlich des Plater-Weges in den Krebsförder Tannen zu finden. Auch hier handelt es sich um eine dichte Kiefernschonung, die noch nicht durchgeholzt ist, sodass man sie nur einige Meter einsehen kann. Der Boden ist von einem dichten Moosteppich bedeckt. Die Fundstelle liegt etwa 24 m von einer Schneise entfernt, die vom Plater Weg abgeht. Die Leiche war nur wenig mit Erde bedeckt und darüber befand sich eine dichte Moosdecke.
Die Leiche lag in typischer Schlafstellung auf dem Rücken. Die rechte Hand war in die Außentasche des Mantels gesteckt. Die linke Hand ruhte auf der rechten Schulter. In der rechten Manteltasche hatte der Junge mehrere Zigarettensammellisten, mehrere Zigarettenbilder und einen Abreißblock. Bei seinem Fortgang von zu Hause hat er diese Sachen nicht besessen. Die Ermittlungen, in welchem Geschäft oder von wem er die genannten Sachen erhalten hat, sind ergebnislos verlaufen. Am Fundort selbst ließen sich keinerlei Kampfspuren feststellen. Die Leiche war, nachdem zuvor ein Loch in die Erde gescharrt sein muß, innerhalb einer Pflanzenreihe unter Baumwurzeln gezwängt, ohne daß diese, mit Ausnahme eines faulen Wurzelstumpfes der abgebrochen war, irgendwelche Beschädigungen aufwiesen.

Die Einscharrung der Leiche sowie insbesondere die Verdeckung der Leiche ist mit einem außerordentlichen Geschick ausgeführt worden. Äußerlich war nicht erkennbar, daß an dieser Stelle gegraben oder gescharrt wurde. Das Moos wucherte dicht über der Grabstelle, sodass diese den menschlichen Blicken entzogen war. In der Höhe der Grabstelle steht an der Schneise eine einzelne Birke.
Die Leichenöffnung hat eine Todesursache nicht ergeben. Anzeichen einer Gewalteinwirkung sind nicht gefunden worden. Ebenso haben sich keinerlei Anhaltspunkte für die Vornahme unzüchtiger Handlungen feststellen lassen.
Die chemische und botanische Untersuchung der Leichenteile sowie der Kleidung des Heinz Zimmermann durch das Institut für gerichtliche Medizin der Universität Berlin sind ebenfalls ohne Befund gewesen. Ausgeschlossen ist es jedoch nicht, daß die weit fortgeschrittene Fäulnis etwaige positive Befunde unmöglich gemacht hat ."


12.) Der Mordfall - Gustav Thomas, Wittenberge 1935.

Am 22. März 1935, einem Freitag, verschwand etwa gegen 13:30 Uhr der Schüler Gustav Thomas, geboren am 27. Oktober 1926, aus Wittenberge. Gustav Thomas war mit seinen 8 ½ Jahren zum Zeitpunkt seines Verschwindens ein gesunder, aufgeweckter und folgsamer Junge ohne irgendein Anzeichen für ein Kranksein.
Als er am 22. März 1935 um 12 Uhr aus der Schule kam, lief er zunächst nach Hause in die Steinstraße 15 und hielt sich dort etwa 30 bis 45 Minuten auf. In der Zeit zwischen 12½ Uhr und 12¾ Uhr verließ er die elterliche Wohnung bereits wieder und begab sich in die Adolf-Hitler-Straße. Hier betrieb sein Vater, der am 24. August 1893 in Berlin geborene Ernst Thomas als Küchenmeister eine Kochschule und Speisewirtschaft gemeinsam mit seiner Ehefrau Frieda Thomas, geb. Turban, geboren am 11. Januar 1901 in Wittenberge.

In der Steinstraße 15 in Wittenberge wohnte 1935 die Familie Thomas.

Kaum angekommen bat der Junge den Vater, ihm doch „schnell" etwas zu essen zu geben. Das Küchenmädchen gab Gustav dann zu essen und gegen 13 Uhr verließ der die Küche bereits wieder, ohne seinem Vater oder seiner Mutter eine Mitteilung zu machen, wie er es sonst immer tat, wohin er nun ginge. An diesem Tag nahm er auch den sehr scharfen Schäferhund des Vaters, der auf den Mann dressierten war, gegen seine Gewohnheit nicht mit.
Aufgrund dieser Regelwidrigkeiten sowie dem Verhalten des Kindes, welche dem Vater erst nachträglich aufgefallen sind, schloß dieser, daß der Junge an diesem Nachmittag irgendetwas Besonderes vorhatte.

  • Von der Speisewirtschaft aus muß Gustav Thomas noch einmal nach Hause gegangen sein, denn gegen 13½ Uhr beobachtete ihn die Nachbarin Frau Kneip, als er mit schnellen Schritten aus der Haustür der elterlichen Wohnung in der Steinstraße herausgelaufen kam und in Richtung Adolf-Hitler-Straße-Stern ging. Zu diesem Zeitpunkt war der Junge allein.
  • Gegen 14 Uhr wurde Gustav Thomas von einem seiner Spielkameraden, dem 10 Jahre alten Schüler Friedrich Hameyer, gemeinsam mit einem älteren Mann gesehen, als beide auf dem Horning in Richtung Düsterweg gingen. Hameyer selbst stand auf dem Plattenwagen eines Bäckermeisters und machte seine Beobachtungen aus einer Entfernung von ungefähr 30 Meter, als das Fuhrwerk vom Horning aus in Richtung Schützenplatz einbog. Hameyer beschreibt in einer späteren Aussage den Begleiter des Thomas als einen Mann, der einen freundlichen Eindruck gemacht habe, aber nicht „schön rasiert" gewesen sei und nur „so mittelmäßig" ausgesehen habe.
  • Am frühen Nachmittag des 22. März 1935 fuhr die Ehefrau Martha John mit ihrem Fahrrade von Wentdorf den Düsterweg entlang nach Wittenberge. Im Düsterweg sah sie in der Nähe des Spielplatzes (Hühnerfarm Marien-Garten) einen älteren Mann, welcher mit einem Jungen in Richtung Hirtenweg ging. Bei ihrer Annäherung machte dieser Knabe Platz, sodass Frau John zwischen dem Mann und dem Jungen hindurchfahren konnte. Sie sah beide an, insbesondere den Jungen, denn dieser trug einen blauen Bleyle-Anzug mit einem grünen Kragen. Ihre Beobachtung richtete sich deshalb in diesem Moment hauptsächlich auf die Bekleidung des Jungen, weil sie für ihren Sohn, der im ähnlichen Alter war, auch einen derartigen Anzug kaufen wollte. Frau John war der Meinung, daß diese Begegnung etwa zwischen 12¾ Uhr und 13¼ Uhr stattgefunden hat. Allerdings konnte sie die Zeit nicht genau angeben und wollte sich deshalb auch nicht festlegen.
  • Der Kellner Hans Frank, der am 22. März 1935 seinen freien Tag hatte, fuhr mit seinem Fahrrade etwa gegen 14¼ Uhr den Düsterweg in Richtung Hirtenweg entlang. Kurz vor der Schonung überholt er einen älteren Mann der einen Jungen bei sich hatte. Beide gingen dicht an der Schonung entlang in Richtung Hirtenweg. Während Frank die Zwei überholte, beugt sich der Mann zu dem Jungen herunter und sprach mit ihm. Unmittelbar danach muß der Mann mit dem Jungen in der Schonung verschwunden sein, denn als Frank in den Hirtenweg einbog und sich nach den beiden umsah, befanden sie sich nicht mehr auf dem Wege, sondern waren verschwunden. Nach den Geländeverhältnissen können sie nur in die dort befindliche Kiefernschonung hineingegangen sein. Dem Zeugen Frank fiel auf, daß der Mann den Jungen für kurze Zeit, als er ihm etwas zu sagen schien, an die Hand fasste. Auch hat er sich gewundert, daß beim Überholen der Junge und der Mann ihn nicht anblickten, sondern in den Wald hineinsahen.
  • Auf der Rückfahrt nach Wittenberge benutzte Frank ebenfalls den Düsterweg, ohne jedoch dem alten Mann mit dem Jungen wieder zu begegnen. Gegen 15 Uhr war Frank bereits wieder in Wittenberge.
  • Kurze Zeit, nachdem Frank den Mann mit dem Jungen überholt hatte, wurden die beiden von dem Schmied Hans Schultz gesehen. Schultz, der zu dieser Zeit krankgeschrieben war und von 14 Uhr bis 16 Uhr Ausgang hatte, fuhr mit seinem Fahrrade ungefähr bis zur Mitte der bereits genannten Kiefernschonung am Düsterweg. Dort hatte er angehalten und war in die Schonung hineingegangen, um auszutreten. Als er wieder aus der Schonung herauskam und noch überlegte, wohin er fahren sollte, sah er den ihm bekannten Kellner Frank auf dem Rad an sich vorüberfahren. Gleich hinter Frank kam ein älterer Mann mit einem Jungen aus Richtung Wittenberge. Beide gingen auf dem Radfahrweg an der Schonung entlang. Sie unterhielten sich aber nicht. Erst als sie etwa 25 bis 30 m an Schultz vorbei waren, sprach der Mann mit dem Jungen, gab diesem seinen Hut und bückte sich nach seinem Schuh. Schultz kümmerte sich auch nicht weiter um die beiden, sondern fuhr weiter in Richtung Wittenberge. Er konnte aber mit Bestimmtheit sagen, daß diese Begegnung zwischen 14¼ Uhr und 14 ½ Uhr stattgefunden hat.
  • Um die gleiche Zeit beobachteten der kurze Zeit später verstorbene Stellmacher Burmeister sowie der Werkhelfer Röwer und der Schlosser Kraul den vorgenannten Mann mit dem Jungen. Alle drei waren ebenfalls krankgeschrieben und gingen im Stadtpark spazieren, sind dabei über einen Wildwechsel durch die genannte Kiefernschonung bis zum Düsterweg gegangen und erreichten diesen dort, wo die Birken an der Schonung stehen. Sie sahen einen älteren Mann, welcher mit einem Jungen den Düsterweg entlang von der Stadt herkam. Beide liefen auf dem Radfahrweg. Kurz vor den drei Zeugen blieb der Mann stehen, trat mit einem Fuß auf einen Stein, brachte anscheinend an seinen Schuhen etwas in Ordnung und lächelte dabei vor sich hin.
  • In etwa 20 bis 30 m Entfernung erkannten sie den Schmied Hans Schultz, der sein Rad an einen Baum gestellt und gerade vom Austreten aus der Schonung herauskam.
  • Genau zu diesem Zeitpunkt ging der Mann mit dem Jungen in einer Entfernung von 2 bis 2,5 m an ihnen vorüber. Der Junge ging etwa 1 bis 2 m hinter dem Mann, der einen etwas müden, schläfrigen Eindruck machte und ziemlich schwerfällig lief. Den Kopf nach vorn zur Erde gebeugt blickte der Mann weder nach rechts noch nach links. Erst als er in dieser gebückten Haltung direkt an ihnen vorbei lief, grinste er die Zeugen zynisch an, sodass sein Gesicht einer Fratze glich
  • Die Herren Röwer, Kraul und Burmeister verweilten noch bis 15½ Uhr in den Anlagen, ohne etwas Auffälliges zu bemerken oder Schreie und Hilferufe zu hören.
  • Der Letzte, der den älteren Mann mit dem Jungen im Stadtpark gesehen hat, ist der Arbeiter Adolf Kraft. Der ging, da er arbeitslos war, am Nachmittage des 22. März 1935 spazieren, und zwar über den neuen Friedhof am Russenteich vorbei durch die Hindenburgstraße zu dem neu angelegten Weg, der durch die Anlagen nach Brahmhorst führt. Gleich vorne in dem „Neuen Weg“ sah er den älteren Mann mit dem Jungen. Kraft erinnerte sich außerdem, daß der Mann die Hand des Knaben gefasst hielt. Seiner Schätzung nach fand die Begegnung gegen 14 Uhr statt.
  • In Berücksichtigung der übrigen Zeugenaussagen dürfte die Begegnung gegen 14½ Uhr erfolgt sein. Nach den Geländeverhältnissen ist es wahrscheinlich, daß der Täter von dem so genannten „Neuen Weg“ aus zum Tatort gegangen ist.
  • In der Zwischenzeit hatte die anfangs erwähnte Martha John ihre Besorgungen in Wittenberge erledigt. Als sie gegen 16 Uhr von Wittenberge nach Wentdorf zurückfuhr, traf sie auf dem Düsterweg wiederum den alten Mann, dem sie auf der Hinfahrt begegnet war. Der Mann stand plötzlich wie von der Erde ausgespuckt in einer Entfernung von 15 bis 20 m vor ihr. Die Zeugin hat allerdings nicht gesehen, daß er aus dem Walde herausgekommen ist. Aber sie hätte ihn, wenn er den Weg entlanggekommen wäre, schon früher sehen müssen, sodass die Schlussfolgerung berechtigt ist, der Mann kann nur aus dem Wald herausgekommen sein. Da sie unmittelbar an dem Mann vorüber gefahren war, erkannte sie ihn deutlich wieder, zumal ihr der Mann voll ins Gesicht geblickt hatte. Er sah erhitzt aus und hatte es sehr eilig, so daß Frau John sich darüber noch Gedanken machte, ob der Mann wohl zum Zuge wollte. Der Mann war allein. Der Junge befand sich nicht mehr in seiner Begleitung.

Wie der Küchenmeister Ernst Thomas bei einer späteren Aussage gegenüber der Polizei erklärte, hatte sein Sohn bereits einen festen Tagesrhythmus. Nach Schulschluss ging der Junge gewöhnlich erst in die elterliche Wohnung, um seine Schularbeiten zu erledigen und kam danach, meist gegen 13 Uhr, in die Kochschule, wo er zum Mittag aß. Anschließend spielte er gewöhnlich entweder auf dem Hof der Kochschule oder er begab sich in die Nähe der elterlichen Wohnung und spielte dort. Wenn er die Kochschule verließ, nahm er fast immer den Schäferhund mit.
Gegen 16 Uhr kam er regelmäßig zum Kaffee trinken in die Wohnung in der Steinstraße. Dort wartete auch schon seine Mutter Frieda Thomas auf sein Erscheinen, denn sie hatte 15½ Uhr Dienstschluss in der Kochschule und begab sich dann nach Hause. Es ist nicht ein einziger Fall bekannt, wo Gustav Thomas nicht zum Kaffee trinken gegen 16 Uhr zu Hause gewesen wäre.
Nachdem seine Kaffeepause beendet war, ging er gewöhnlich noch einmal runter auf die Straße und spielte meistens bis gegen 19 Uhr. Er erschien aber stets pünktlich gegen 19 Uhr wieder in der Wohnung.
Am Abend des 22. März 1935 rief der besorgte Vater 5 Minuten nach 21 Uhr bei der örtlichen Polizeidienststelle an und teilte dem diensthabenden Polizeimeister Schäning mit, daß sein Sohn Gustav, 8½ Jahre alt, am heutigen Tage noch nicht nach Hause gekommen ist. Bekleidet ist der Junge mit einem blauen Bleyle-Anzug und schwarzen Schnürschuhen. Bis 13 Uhr sei er noch bei ihm in der Küche gewesen. Seither ist er nicht mehr gesehen worden.
Ernst und Frieda Thomas warteten in ihrer Wohnung und hofften sehnlichst, daß ihr Sohn Gustav gesund und munter wieder durch die Tür trete. Doch die Zeit verstrich und wurde zur Ewigkeit, denn Gustav erschien nicht. Für Frieda Thomas war diese nervliche Anspannung mittlerweile zu groß geworden. Sie weinte nur noch, währenddessen ihr Mann liebevoll den Arm um sie gelegt hatte, ihr gut zuredete und immer wieder versicherte, daß Gustav schon noch käme, schließlich sei er ein folgsamer Sohn. Beide stellten immer wieder die absonderlichsten Vermutungen an, was dem Jungen denn passiert sein könnte, was eine derartige Verspätung rechtfertige. Doch beide brachten kein plausibles Ergebnis zustande, bis auf eins.
Mit dieser Vermutung erschienen beide gegen 23 Uhr auf der Wache, wo immer noch der Polizeimeister Schäning im Dienst war. Als Ernst und Frieda Thomas völlig aufgelöst und erregt das Dienstzimmer betraten, ahnte der Polizeimeister sofort, daß ihm nun eine lange Nacht bevorstand.
Ohne Umschweife gab das Ehepaar Thomas der Vermutung Ausdruck, daß ihr Sohn womöglich mit den Zigeunern mitgelaufen ist. Die sind, genauer gesagt, die waren an diesem 22. März 1935 als Schausteller mit einigen Affen in der Stadt unterwegs gewesen, inzwischen aber weitergezogen.
Schäning erkannte offenbar, daß dies eventuell die Lösung für diese außergewöhnliche Verspätung des Gustav Thomas sein könnte und telefonierte unverzüglich überall herum, um zu erfahren, wo sich der Zigeunertrupp gerade aufhalte. Schließlich wurden sie an der Stepenitzbrücke, welche direkt an der Stadtgrenze liegt, ermittelt. Ein Polizeibeamter, welcher eiligst zu den Zigeunern hinbeordert wurde, traf den Jungen dort aber nicht an. Nach Aussage des Führers der Zigeuner, Karl Pfeiffer, in Lamme Kreis Braunschweig wohnhaft, sind keine Kinder mit dem Trupp mitgelaufen, als sie gegen 16 Uhr die Stadt verließen. Außerdem gab er an, daß ein Polizeibeamter an der Eisenbahnunterführung zu der angegebenen Zeit Dienst getan habe. Eigentlich müsste dieser seine Angaben bestätigen können.
Polizeimeister Schäning, ein seit vielen Jahren im Polizeidienst tätiger Beamter, war ein ruhiger, gewissenhafter und umsichtiger Polizeibeamter. Innerhalb kürzester Zeit konnte er feststellen, daß es der Polizeimeister Berkes war, der zur angegebenen Zeit an der Eisenbahnunterführung seinen Dienst verrichtet hatte. Der Dienst von Berkes war aber bereits seit mehreren Stunden beendet und deshalb wurde er vom Polizeimeister zu Hause angerufen und zu seinen Beobachtungen bezüglich dieser Zigeunertruppe befragt. Hauptaugenmerk legte Schäning dabei auf die Feststellung, wie viele mitlaufende Kinder sich im Umfeld der Zigeuner befunden haben. Die Antwort des Polizeimeisters war klar und unmissverständlich. „Bei der Schaustellung sind Kinder nicht mitgelaufen".
Die Hoffnung, an die sich das Ehepaar Thomas die gesamte Zeit geklammert hatte, fiel plötzlich wie ein Kartenhaus zusammen. Sie hatten nun keine Erklärung mehr für das Verschwinden ihres Sohnes und ahnten Schlimmes.
Am Vormittag des 23. März 1935 gegen 11¼ Uhr meldeten die Hitlerjungen Horst Haberer, wohnhaft Bäckerstraße Nr. 8, Konrad Schwarzlose, wohnhaft Horning Nr. 12, Walter Dietrich, wohnhaft Feldstraße Nr. 15 und Werner Kühn, wohnhaft Müllerstraße Nr. 15, daß sie gerade in den städtischen Parkanlagen, unweit Brahmhorst, den Schulknaben Gustav Thomas in typischer Schlafstellung gefunden hätten.
Unmittelbar, nachdem diese Nachricht bei der Polizei eingetroffen war, begaben sich der Kriminalsekretär Hoffmann und der Kriminalassistent Peters zum Fundort. Zuvor benachrichtigten sie noch den Stadtarzt Dr. Knappe und das Amtsgericht von Wittenberge.
Der Ort an dem Gustav Thomas aufgefunden wurde liegt in den städtischen Anlagen, von der Stadt aus links vom Düsterweg, etwa in der Mitte der Schonung, 67 Meter vom Wege entfernt. Die Schonung ist an der betreffenden Stelle etwa 2,5 m hoch. Der Junge lag ausgestreckt auf dem Bauch, das Gesicht lag nach unten in den gekreuzten Armen. Der linke Fuß war über den rechten geschlagen. Der Knabe machte den Eindruck, als ob er sich zum Schlafen hingelegt hatte.
Am Fundort erschienen wenig später auch der Stadtarzt Dr. Knappe und eine Gerichtskommission des Amtsgerichts Wittenberge. Dr. Knappe beugte sich zu dem am Boden liegenden Gustav Thomas hinab und stellte mit geübten Handgriffen fest, daß der Junge tot war und das bereits seit mehreren Stunden. Nach dieser Feststellung des Arztes galt es erst einmal, das Umfeld und die Position der Leiche photographisch zu sichern. Mit viel Sorgfalt ging man dabei zu Werke, denn jedes Detail sollte erfasst werden, um von vornherein auszuschließen, daß nichts vergessen wurde, was zur Aufklärung hätte beitragen können.
Nachdem die photographische Bestandsaufnahme abgeschlossen war, nahm der Stadtarzt an der Leiche des Gustav Thomas weitere Untersuchungen vor. Er konnte irgendwelche äußerlichen Gewaltanwendungen am Körper nicht feststellen und kam zu der Überzeugung, daß der Junge  erfroren sein mußte. Bemerkt wurde allerdings auch, daß die Kleidung des Knaben sowie die Erde in der Umgebung der Leiche infolge Regens durchnässt waren, während der Platz unter der Leiche von Gustav Thomas völlig trocken war. Aus dieser Sachlage konnte nur geschlossen werden, daß der Knabe am 22. März 1935 bereits vor 16 Uhr an den Fundort gekommen ist, denn gegen 16 Uhr und auch  etwas später setzten kurze, aber erhebliche Regenfälle ein.

Die Abschrift, der vom Stadtarzt Dr. Knappe ausgestellten Todesbescheinigung.

Daß als die wahrscheinliche Todesursache des Thomas Erfrieren im Schlaf angenommen wurde, entnahm der Stadtarzt der Tatsache, daß die Nachttemperaturen auf nur noch 4°C gefallen waren. Auch neben der Leiche und deren Umgebung konnten Spuren, die auf einen Kampf oder eine Gewalttätigkeit hätten schließen lassen, könnten, nicht festgestellt werden.
In diesem Zusammenhang setzte der Kriminalsekretär Hoffmann die Gerichtskommission noch am Leichenfundort darüber in Kenntnis, daß in einer Ausschreibung im Kriminalpolizeiblatt Nr. 2103 vom 13. März 1935, ebenfalls ein Mordverdacht geäußert wurde. Hierbei handelte es sich um zwei Schüler aus Schwerin, welche in ähnlicher Lage tot aufgefunden worden sind. Auch Gustav Thomas hatte ja den Anschein erweckt, als wenn er friedlich schlafend verstorben sei. Die Kleidung des Knaben war in Ordnung und unzüchtige Handlungen konnten durch den Stadtarzt Dr. Knappe vorläufig nicht festgestellt werden.
Am späten Nachmittag des 23.März 1935 erstellt der Stadtarzt Dr. Knappe die Todesbescheinigung für Gustav Thomas. Er ging zu diesem Zeitpunkt immer noch fest davon aus, daß für den Tod des Jungen vermutlich nur der Tod durch Erfrieren in Frage kommen konnte.


Für die, für den 25.März 1935 angesetzte Obduktionum von Gustav Thomas, bat man den Inspektionsleiter Kriminalrat Hans Lobbes, von der Berliner Mordkommission, um Unterstützung. 


Die Opduktion

Als man alle Spuren am Fundort gesichert hatte, wurde der Leichnam beschlagnahmt und der örtlichen Leichenhalle zugeführt, um sie am nächsten Tag der Obduktion zu überstellen.
Nach Abschluß der Arbeiten am Fundort hat das Amtsgericht Wittenberge umgehend die Staatsanwaltschaft Neuruppin über den Leichenfund und die bisher erfolgten Untersuchungen fernmündlich in Kenntnis gesetzt. Diese wiederum baten den Inspektionsleiter Kriminalrat Hans Lobbes von der Berliner Mordkommission am 25.März 1935 um Unterstützung bei der Obduktion von Gustav Thomas.

Kriminalrat Lobbes vereinbarte deshalb mit dem Stellvertreter des Kreisarztes Dr. Gebauer, daß die Obduktion des Thomas bis zum Eintreffen der Mordkommission aus Berlin aufgeschoben werden sollte. In Begleitung zwei seiner Mitarbeiter fuhr Lobbes im Kraftwagen nach Wittenberge und dort direkt zur Leichenhalle des neuen Friedhofes, wo die Obduktion stattfinden sollte.
Hier traf er die bereits anwesenden Herren von der Staatsanwaltschaft Neuruppin, Herrn Staatsanwaltschaftsrat Ideler und Herrn Staatsanwaltschaftsrat Dr. Grützner. Zu ihnen gesellte sich noch Herr Oberstaatsanwalt Beusch von der Staatsanwaltschaft Schwerin. Auch mehrere Herren der Polizeiverwaltung Wittenberge waren mittlerweile in der Leichenhalle eingetroffen.
Dr. Ernst Gebauer und der Stadtarzt Dr. Knappe begannen kurze Zeit später unter teilweiser Gegenwart der oben Genannten mit der Obduktion.
Zunächst nahm man die äußere Besichtigung der Leiche vor und stellt fest, daß sich am Halse leichte Abschürfungen befanden.
Weiter heißt es im Protokoll der Mordkommission Thomas vom 26.. März 1935:
„Am Kehldeckel, Kehlkopf und Luftröhre zeigte sich eine dunkelrote Verfärbung und die Schleimhaut wies punktförmige Blutaustritte in größerer Anzahl auf. Zur eingehenderen Untersuchung wurden diese Teile, die Haut mit den Abschürfungen, der ungeöffnete Magen mit Inhalt und ein Teil des Blinddarms, ein Teil der Lunge, ein Teil des Gehirns, die Nieren und die Milz sichergestellt und dem Gerichtsärztlichen Institut in Berlin übersandt. Der Blutaustritt auf der Schleimhaut des Kehlkopfes und eine von den Ärzten festgestellte Gehirnschwellung lassen in Verbindung mit den Abschürfungen auf der Halshaut auf Tod durch Erwürgen schließen. Dem widerspricht allerdings der Lungenbefund.“
Zwischenzeitlich unternahm die Mordkommission, in Begleitung der Staatsanwälte eine Besichtigung am Fundort der Leiche, in der Kiefernschonung der städtischen Anlage am Düsterweg. Die Ärzte in der Leichenhalle des neuen Friedhofes obduzierten indes weiter.
Die Herren begutachteten interessiert die offene Stelle der Kiefernschonung, an der Gustav Thomas tot aufgefunden wurde. Allerdings konnte über die Lage der Leiche selbst nichts gesagt werden. Hier mußte man auf den Bericht vom 23. März 1935 der Polizeiverwaltung Wittenberge verweisen. Sämtliche an dieser Tatortbesichtigung beteiligten Herren suchten anschließend noch einmal die Kiefernschonung ab, in der Hoffnung, doch noch etwas Verwertbares, oder eine bisher unentdeckte Spur zu finden. Die Aktion blieb aber erfolglos.


                                                        Das Obduktionsgutachten


                                                                            Abschrift



Das Amtsgericht                                                                          Wittenberge, den 25. März1935

                                          
Gegenwärtig:

  • Gerichtsassessor Nitsche - als Richter,
  • Staatsanwaltschaftsrat Ideler - als Beamter der Staatsanwaltschaft,
  • Justizsekretär Priegann - als Urkundsbeamteter der Geschäftsstelle.


In der in der Leichensache
Thomas
wurden den ärztlichen Sachverständigen:

  • Dr. Ernst Gebauer, Wittenberge, 61 Jahre alt, als ersten Sachverständigen,
  • Dr. Ferdinand Knappe, Stadtarzt, Wittenberge, 38 Jahre alt, als zweiten Sachverständigen

der Leichnam des Schülers Gustav Thomas aus Wittenberge, festgestellt durch Stadtarzt Dr. Knappe von hier zur Leichenöffnung übergeben.

Die Sachverständigen gaben die, aus der aus 10 Blättern bestehenden Anlage hervorgehende Erklärung ab.

Gezeichnet:  Nitsche.                                             Gezeichnet: Priegann.

Anlage - bestehend aus 10 Blättern - zum Protokoll vom 25. März 1935

                               gez. Nitsche                                                                       gez. Priegann


   A.) Äußere Besichtigung.

  • 8 Jahre alter, 122 cm lange männliche Kindesleiche von kräftigem Körperbau, mittelgutem Ernährungszustand und im allgemeinen blassrosa Hautfarbe. Bekleidet ist die Leiche mit einem blauen Bleyle-Anzug, darunter ein weißes Trikot-Leibchen, einer weißwollenen Hemdhose und einem baumwollenen Hemd, braunen bis über die Knie reichenden Wollstrümpfen, die mit Gummibändern an dem Leibchen befestigt sind, und am rechten Oberschenkel durch einen Bindfaden besonders hoch aufgeschlagen gehalten werden; dazu braune nagelbeschlagene Lederschuhe. An dem Anzug und an der Wäsche finden sich keine Verletzungen des Gewebes. Blutflecken sind nicht vorhanden. Im Hemd mehrere kleine Kotstreifen; an der Hinterseite und an der Vorderseite eine trockene verschmierte Fläche beziehungsweise ein Fleck (Urinfleck?) Das Hemd wird zur weiteren Untersuchung zurückgestellt.
  • Der Tod erfolgte wahrscheinlich am 22.3.1935 abends oder in der Nacht vom 22. zum 23. März 1935.
  • Die Totenstarre ist noch vorhanden in den Beinen, Ellbogen und Fingergelenken, während sie schon gelöst ist in den Schultergelenken. Über die Haltung, in der die Leiche gefunden ist, wird verwiesen auf das beiliegende Lichtbild um die Schilderung des Protokolls der Leichenschau vom 23.3.1935.
  • Der Verwesungsgeruch ist nicht vorhanden.
  • Totenflecke sind in ausgedehntem Maße auf der Vorderseite des Körpers, auf der die Leiche aufgelegen hatte, vorhanden, und zwar an dem linken Oberschenkel, dem Bauch, den seitlichen und oberen Partien des Brustkorbes mit Ausnahme eines etwa 18 cm hohen 13 cm breiten grellweißen Fleckes, auf dem die Leiche unmittelbar aufgelegen hat, rosarot, nur in der rechten Unterbauchgegend ein größerer und in der linken Bauchgegend grünlich verfärbt, ebenso dicht über dem Nabel. Beide Ohren sind dunkelblau rötlich verfärbt, die Lippen ebenfalls blau-rötlich. Im Übrigen zeigt die Gesichtshaut Sommersprossen. In der Vorderfläche des Halses rechts vom Kehlkopf und etwa 1 cm oberhalb des Kehlkopfes zeigt die Haut anscheinend ganz leichte strichförmige Abschürfungen der Oberhaupt, von denen die rechts neben dem Kehlkopf zwei je 1½ cm lange gabelförmig von der Mittellinie nach außen hin sich vereinigende Äste bildet, während die oberhalb des Kehlkopfes liegende 2 cm lange Hautabschürfung quer über die Halsmitte strichförmig verläuft. Diese Hautabschürfungen ähneln in keiner Weise den halbmondförmigen Würgemarken eines Fingernagels. Die obere Hautabschürfung liegt genau in der Furche, die sich bei der Beugung des Kopfes an der Grenze zwischen Kinn und Hals bildet. Gesicht und Hals zeigen jetzt Spuren von Sand und Kiefernnadeln. Dieser Sand befindet sich auch zwischen den geöffneten Lippen und am Eingang der Nasenlöcher, während die Ohren davon frei sind.
  • Der Schädel ist unverletzt ohne Blutverkrustungen und dicht bedeckt mit blondem Haar. Die Gesichtszüge sind ruhig, wie friedlich schlafend.
  • Die Augen sind geschlossen.
  • Die Augäpfel sind nicht blutunterlaufen.
  • Die Hornhäute sind trübe.
  • Die Sehlöcher sind links kreisrund, rechts etwas mit einer Spitze nach dem inneren Augenwinkel zu verzogen; ihr Durchmesser links 4 mm, rechts 3 mm. (also der linke erweitert. Die Bindehäute sind bläulich rot verfärbt und zeigen mehrere punktförmige Blutaustritte.
  • Die Nasenlöcher sind frei von Fremdkörpern.
  • Der Mund ist leicht geöffnet.
  • Die Zähne sind regelrecht gebildet.
  • Die Zunge liegt zwischen den aufeinandergepressten Kiefern eingeklemmt und überragt die Zahnreihe um etwa einen halben Zentimeter.
  • Die Gehörgänge sind frei von Fremdkörpern und Blutkrusten.
  • Der Hals ist nicht widernatürlich beweglich und zeigt bis auf die unter Nr. 4 geschilderten leichten Hautabschürfungen keine weiteren Veränderungen, insbesondere keine Strangulationsmarken.
  • Der Brustkorb ist kräftig gebaut und unverletzt.
  • Die Brüste sind ohne Besonderheiten.
  • Die Bauchdecken sind weich, der Bauch nicht aufgetrieben.
  • Am Rücken befinden sich keine Totenflecke.
  • Der After ist geschlossen.
  • Die äußeren Geschlechtsteile sind insofern verbildet, als der rechte Hoden im Hodensack fehlt. Man fühlt ihn auch nicht im Leistenring, der an sich weit und für die Fingerkuppe des kleinen Fingers durchgängig ist. Die Harnröhrmündung ist geschlossen und frei von Flüssigkeit.
  • Die Arme sind unverletzt.
  • Die Hände sind in Hand und Fingergelenken leicht gebeugt und unverletzt.
  • Die Beine stehen in leichter Beugestellung.
  • Die Füße sind im Fußgelenk gestreckt, nirgends Verletzungen.


   B.) Innere Besichtigung.


I.) Kopfhöhle

  • Die weichen Bedeckungen des Schädels zeigen keine Verletzungen und keine Schwellungen oder Blutaustritte. Die Schläfenmuskeln sind blassrosa gefärbt und haben regelrechte Beschaffenheit.
  • Der knöcherne Schädel ist eiförmig geformt, er sägt sich leicht, er ist 18 cm lang, 14 cm breit, 5 mm an der dicksten und 2 mm an der dünnsten Stelle dick. Die Oberfläche ist glatt und unverletzt, die Innenfläche ist regelrecht gebildet und unverletzt. Die innere Tafel ist unverletzt.
  • Der Längsblutleiter enthält nur in den hinteren Partien etwa dunkelrotes flüssiges Blut.
  • Die harte Hirnhaut ist grauweißlich gefärbt, gut gespannt, ihre Schlagadern sind bis zur halben Rundung gefüllt, ihre Oberfläche ist glatt, ihre Innenfläche ist glatt.
  • Die weiche Hirnhaut an der Hirnoberfläche ist spiegelnd glatt und glänzend, ohne Auflagerungen und ohne Verdickungen.
  • Im Schädelgrund sammelt sich etwa ein Teelöffel voll einer blutigen Flüssigkeit.
  • Die weiche Hirnhaut an der Unterfläche und an den Seitenteilen des Gehirns ist gut durchsichtig, ihre Oberfläche ist glatt und ohne Auflagerungen, ihre Gefäße sind nicht besonders stark gefüllt. Sie haftet an der Hirnmasse nicht fest an.
  • Die Sylvische Grube ist leer.
  • Die Gehirnsubstanz ist durchweg weich und zerreisslich (wie aufgequollen), auch die Furchen sind wie verquollen.
  • Die Seitenkammern sind eng und enthalten keine Flüssigkeiten. Der Geruch der Gehirnssubstanz weist keine Besonderheiten auf.
  • Das Adergeflecht ist blutreich und wie aufgequollen.
  • Im Großhirn findet sich auf den Durchschnitten ein etwas vermehrter Flüssigkeitsgehalt, aber verhältnismäßig wenig ausgesprochene Blutpunkte.
  • An Seh- und Streifenhügeln ist die Gewebezeichnung deutlich erkennbar. Das Gewebe ist feucht.
  • Das Kleinbild zeigt regelrechte Zeichnung des Lebensbaumes, keinen vermehrten Blutgehalt und keine Veränderung der Gehirnsubstanz.
  • Die vierte Hirnkammer ist leer, die Brücke und das verlängerte Mark zeigen keine krankhaften Veränderungen.
  • Die harte Hirnhaut am Grunde und an den Seitenteilen des Schädels zeigt regelrechte Beschaffenheit. Die Querblutleitern enthalten wenig dunkelrotes Blut.
  • Die Knochen des Schädelgrundes und der Seitenwände sind unverletzt. Teile des Gehirns werden zur chemischen Untersuchung in ein Glasgefäß getan (Gefäß I.). Ebenso wird vom Halse das Stück der Haut abgetrennt und zur weiteren Untersuchung zurückgestellt, an dem sich die unter Nr. 16 geschilderten Hautabschürfungen befinden. (Gefäß II.).


II. Brust und Bauchhöhle

  • Das Unterhautfettgewebe an Brust und Bauch sieht blassgelbrötlich aus und ist am Bauche bis zu einem halben Zentimeter dick.
  • Die Muskulatur an Brust und Bauch sieht braunrosa aus und ist gut entwickelt.
  • Bei der Öffnung der Bauchhöhle entweicht kein übelriechendes Gas, auch nicht irgendwelch anderer charakteristischer Geruch.
  • Das Netz bedeckt den oberen Teil der Darmschlingen, während der untere Teil der Darmschlingen vom Nabel abwärts frei liegt.
  • Im kleinen Becken befinden sich etwa zwei Teelöffel einer rosagefärbten wässrigen Flüssigkeit.
  • Der Wurmvorsatz ist etwa 8 cm lang, blass gefärbt und nicht verdickt.
  • Das Zwerchfell steht links im 4. Zwischenrippenraum, rechts an der 4. Rippe.
  • Der untere Leberrand steht zwei querfingerbreit unter dem Rippenbogen.
  • Das Seitenbauchfell sieht glänzend aus und ist von glatter Oberfläche.
  • Magen, Darm und Gekröse zeigen äußerlich keine Veränderungen.


a) Brusthöhle

  • Die Rippenknorpel schneiden sich leicht und zeigen auf dem Durchschnitt eine porzellanweiße Farbe.
  • Die Lungen links zum Teil vom Herzen bedeckt, auf beiden Seiten zurückgesunken, und nirgends aufgebläht.
  • Der linke Brustfellraum enthält etwa 2 Esslöffel voll einer klaren schwachrosa gefärbten wässrigen Flüssigkeit.
  • Die Brustdrüse ist 6 x 4 x 1,5 cm groß, ihre Oberfläche ist glatt. Auf dem Durchschnitt ist die drüsige Zeichnung deutlich erkennbar, im oberen Teil des rechten Lappens befindet sich ein etwa kaffeebohnengroßer Hohlraum, der mit etwas grauschleimigen Inhalt angefüllt ist. Die Brustdrüse wird zur weiteren Untersuchung in das Gefäß II getan. 
  • Der Herzbeutel liegt in 8 cm Breite frei, sieht spiegelnd glatt und glänzend aus und zeigt keine Auflagerungen oder Verdickungen.
  • Der Herzbeutel enthält einen Teelöffel gelber klarer Flüssigkeit. Die Innenfläche des Herzbeutels ist glatt und glänzend, ebenso verhält sich der Herzüberzug. Insbesondere finden sich keine punktförmigen Blutaustritte.
  • Das Herz entspricht der Größe der Faust des Kindes. Es fasst sich an links derb, rechts weich.
  • In der rechten Vorkammer befindet sich kein Inhalt. In der rechten Kammer, in der Linken Vorkammer und in der linken Kammer - ebenfalls kein Inhalt. Die dreizipflige Klappe ist für die Fingerkuppe durchgängig. Die zweizipflige Klappe ist durchgängig.
  • Die Innenfläche der Herzhöhle ist glatt und glänzend. Die zweizipflige Klappe, die dreizipflige Klappe, die Körperschlagaderklappe und die Lungenschlagaderklappe sind durchgängig
  • Die Wand der linken Herzkammer ist 1,5 cm dick, diejenige der rechten einen halben cm dick. Das Herzfleisch sieht braunrot aus und ist von fester Dichtigkeit. Die Papillarmuskeln sind gut entwickelt und frei von Narben.
  • Die Oberfläche des Herzens sieht blassrot aus und ist nicht mit Fett bewachsen. Die Kranzgefäße sind zart, ihre Wandung ist zart, ihre Innenseite sieht blassrosa aus und ist von glatter Oberfläche.
  • Die großen Gefäße der Brust zeigen keine Veränderungen.
  • Die linke Lunge ist hellrosa gefärbt, in der unteren Partie etwas dunkler, und hat ausgesprochene scharfe Ränder, sie fühlt sich knisternd an. Ihre Oberfläche ist von spiegelnder Glätte und deutlicher Läppchenzeichnung. Ihre Schnittfläche zeigt im Oberlappen hellrosa Farbe, im unteren Lappen braunrote Färbung, im Oberlappen regelrechten, im Unterlappen stark vermehrten Blutgehalt, im Oberlappen völlig regelrechten, im Unterlappen verminderten Luftgehalt, regelrechte Feuchtigkeit. Dichtigkeit ist im Unterlappen vermehrt. Die Luftröhrenäste enthalten weder Schleim noch Blut. Die Lymphdrüsen der Lungenwurzel sind nicht vergrößert und von regelrechter Zeichnung. Die größeren Gefäße enthalten wenig dunkelrotes flüssiges Blut.
  • Die rechte Lunge zeigt vom Mittellappen ausgehend von dessen Vorderfläche nach der Brustwand herübergehend einen breiten Strang, der sich leicht lösen lässt. Die Oberfläche des Mittellappens und Oberlappens zeigt an mehreren Stellen kleine bis Erbsen- und Bohnen große Auflagerungen (trockene Rippenfellentzündung). Auf Durchschnitt zeigt die rechte Lunge im Oberlappen guten Luftgehalt, im Unterlappen vermehrten Blutgehalt und verminderten, aber doch nicht aufgehobenen Luftgehalt. Die Lungen werden in das mit V bezeichnete Glas getan. Nach Unterbindung der Speiseröhre oberhalb des Zwerchfells werden die Halsorgane im Ganzen herausgenommen und mit einer Spritze aus der großen Hohlader Blut entnommen, dass in das mit III bezeichnete Reagenzglas gefüllt wird.
  • Die Zunge sieht graurötlich aus und hat keinen Belag, wohl aber etwa eine erbsengroße grauweißliche Schleimflocke. Der Zungengrund ist deutlich gezeichnet.
  • Mandel und Gaumen zeigen keine Veränderungen.
  • Kehldeckel, Kehlkopf, Stimmbänder und Luftröhre zeigen eine deutliche dunkelrote Verfärbung. Die Schleimhaut der hinteren Wand des Rachens und die gesamte Umgebung des Kehlkopfeingangs ist dunkelrot verfärbt und geschwollen. Die Schleimhaut überragt an einzelnen Inseln die Oberfläche und zeigt deutliche. punktförmige Blutaustritte in großer Anzahl. Dieselbe Blutüberfüllung der Schleimhaut und dieselben Blutaustritte finden sich an der Innenseite des Kehldeckels und ebenso an der Innenfläche des Kehlkopfes, an der Vorderwand des Ringknorpels und ein weiterer punktförmiger Blutaustritt an der Vorderwand der Blutröhre, etwa in Höhe des fünften Knorpelringes. Verletzungen der Knorpel des Kehlkopfes oder der Luftröhre sind nicht vorhanden. Ebenso wenig Schleim, Blut oder sonstige fremde Bestandteile. Zur genauen mikroskopischen Untersuchung werden die Organe Zunge, Kehlkopf und Luftröhre in das mit IV bezeichnete Gefäß getan.
  • Die Schilddrüse regelgerecht.
  • Die Speiseröhre ist von blassgelblicher Farbe der Schleimhaut, zeigt keinen Inhalt und keine Verletzung.
  • Lymphdrüsen, Gefäße, Muskeln und Knochen des Halses zeigen regelrechte Verhältnisse.


b) Bauchhöhle

  • Die Milz ist 10 cm lang, 7 cm breit, und 2 cm dick. Sie fühlt sich derb an. Die Oberfläche sieht schokoladenbraun aus. Die Schnittfläche sieht dunkelrosa aus, ist mäßig blutreich, wenig feucht und von regelrechter deutlich ausgesprochener Zeichnung. Die Milz schneidet sich leicht, es lässt sich wenig Milzsaft abstreichen. Die Milzkörper sind deutlich erkennbar. Die Bälkchen sind deutlich erkennbar.
  • Die linke Niere ist 9,5 cm lang, 4,5 cm breit, 2,5 cm dick, fühlt sich derb an, Oberfläche sieht braunrot aus und ist glatt. Sie liegt an regelrechter Stelle in geringem Fettpolster. Sie sieht dunkelrot aus und ist von derber Dichtigkeit. Die Kapsel ist glatt lässt sich leicht abziehen. Auf der Schnittfläche ist die Farbe dunkelbraunrot, der Blutgehalt gering, die Feuchtigkeit nicht sehr groß, die Oberfläche glatt, die Rinde deutlich von der Marksubstanz abgegrenzt. Die Bogengefäße sind erkennbar, aber nicht stark gefüllt. Die Pyramiden ebenfalls erkennbar, dass Nierenbecken nicht erweitert und frei von Fremdkörpern.
  • Der linke Harnleiter ist leer.
  • Die linke Nebenniere zeigt deutliche regelrechte Zeichnung.
  • Die rechte Niere ist 10 x 5 x 2,5 cm, im Übrigen verhält sie sich wie die linke.
  • Der rechte Harnleiter wie links.
  • Die rechte Nebenniere wie links. Beide Nieren werden in das mit VI bezeichnete Gefäß getan, ebenso die Milz.
  • Die Harnblase enthält keinen Inhalt. Ihre Wandung ist fest. Ihre Schleimhaut sieht blassgrau aus. Die inneren Geschlechtsteile sind bis auf die Lage des rechten Hodens, der sich im Leistenkanal innerhalb der Bauchhöhle befindet, regelrecht. Zwölffingerdarm und Magen werden nicht eröffnet, sondern unterbunden, da eine chemische Untersuchung wegen der Möglichkeit einer Vergiftung als notwendig erscheint.
  • Die Leber ist 22 cm lang, 14 cm breit und 8 cm dick. Ihre Ränder sind scharf. Sie fühlt sich derb an und schneidet sich fest. Ihre Oberfläche sieht braunrot und glatt aus. Auf der Schnittfläche hat sie braunrote Farbe. Blutgehalt regelrecht. Feuchtigkeit nicht vermehrt. Oberfläche glatt. Die Leberläppchen sind deutlich erkennbar. Teile der Leber werden zur weiteren Untersuchung in das mit VIII bezeichnete Glas getan.
  • Die Gallenblase enthält 35 ccm dunkelblauer Flüssigkeit. Ihre Wand ist glatt. Ihre Zu- und Ausführungsgänge sind durchgängig.
  • Die Bauchspeicheldrüse ist regelrecht.
  • Das Gekröse ist unverändert. Seine Lymphdrüsen sind nicht vergrößert.
  • Der Dünndarm enthält in seiner oberen Partie etwa bis zur Hälfte seines Verlaufs einen schwach gelblich gefärbten, nicht besonders riechenden gelblichen Speisebrei. Seine Außenfläche sieht rosa aus. Die Blutgefäße treten nicht besonders hervor. Seine Schleimhaut sieht graurötlich aus. Die Blutgefäße sind wenig gefüllt. Seine Wandung zeigt nirgends Veränderungen (Verätzungen oder Entzündungen). Die Einzelknötchen und die Peyerschenhaufen sind nicht verdickt.
  • Der Wurmvorsatz ist unverändert. Magen und ein Teil des Dünndarms werden uneröffnet unterbunden und ebenso wie ein Teil des Dickdarms in das mit VII bezeichnete Gefäß getan.
  • Der Dickdarm enthält wenig breiigen bräunlichen Kot. Seine Außen- und Innenflächen sowie seine Wandungen zeigen keine Veränderungen.
  • Die großen Schlag- und Blutadern des Bauches sind unverletzt.
  • Wirbelsäule, Beckenknochen und Muskeln der Hinter- und Seitenwände der Bauch- und Brusthöhle zeigen keine Veränderungen. Der After wird umschnitten und mit dem unteren Teil des Mastdarms zusammen in das mit IX bezeichnete Gefäß getan.

Damit schließen die Sachverständigen die Leichenöffnung und geben ihr vorläufiges Gutachten dahin ab:

  • Die Leichenöffnung hat eine bestimmte Todesursache nicht feststellen können.
  • Die in den Glasgefäßen I bis IX an das Institut für gerichtliche und chemische Medizin in Berlin übergebenen Organteile müssen noch weiter chemisch und mikroskopisch untersucht werden. Daraus würde sich eventuell geben, ob eine Vergiftung (etwa durch Betäubungsmittel) in Frage kommt oder ob Tod durch Ersticken (Erwürgen) in Frage kommt.
  • Dabei wäre die Hautprobe daraufhin zu untersuchen, ob die am Hals aufgefundenen Hautabschürfungen als Würgespuren zu deuten sind, oder ob sie nach dem Tode durch Einwirkungen des Transportes der Leiche entstanden sind.
  • Ein Tod durch Erfrieren allein ist an sich sehr unwahrscheinlich: er wäre nur denkbar, wenn vorher etwa eine Betäubung stattgefunden hätte, die den Jungen bewusstlos und bewegungsunfähig gemacht hätte.

Auf Befragung des Richters:

  • Die Leichenöffnung hat keine Krankheit finden lassen, die den Tod des Knaben auf natürlichem Wege erklären lässt.

                                      v.g.u.


                  gez. Dr. Gebauer                                                          gez. Dr. Knappe.
            kreisärztlich geprüfter Arzt                                                  Stadtarzt
                                                                                                  kreisärztlich approbiert.



Ende vom 7. Kapitel.


                 Weiter auf der nächsten Seite mit dem 8. Kapitel.

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