Vom Mittelalter bis in die heutige Zeit.



19. Fall - Johann Berthold, der Frauenheld und Kindsmörder (1925)

Im Gerichtssaal

Pünktlich wie angekündigt öffnete sich am 7. Oktober 1925 die Tür des Sitzungssaales beim Schwurgericht in Regensburg. Ver­handelt wurde gegen den 33-jährigen Metzger Johann Berthold aus Burglengenfeld wegen Mordes. Die in den Gängen vor dem Gerichtssaal versammelte Menschentraube schob und drängelte sich auf den Einlass zu, denn jeder der Anwesenden wollte einen Platz im Zuhörerraum ergattern. Nicht umsonst waren sie so zei­tig in der Frühe zu Fuß, mit dem Fahrrad, der Pferdekutsche oder mit der Eisenbahn aus Loisnitz, Burglengenfeld und Umgebung in die Stadt gekommen, um zu erfahren, wie und warum der An­geklagte seinen zwei Jahre alten leiblichen, aber unehelichen Sohn Alfred Reindl aus Loisnitz ermordet hatte. Viele widersprüchli­che Darstellungen um das furchtbare Geschehen am 11. Juni 1925 im Wäldchen bei Birkhof in der Gemeinde Eich, Amtsgerichtsbe­zirk Burglengenfeld, waren im Umlauf, nunmehr erwartete man die Gründe zu hören, die zu dem abscheulichen Verbrechen ge­führt hatten.
Eine Stecknadel hätte man fallen hören, so still war es im Raum, als der Staatsanwalt die Anklage vortrug. Zu Tumulten kam es jedoch, als er geendet hatte. „Aufhängen", „Köpfen", „Er­schießen", riefen die Zuhörer in einem wirren Durcheinander dem Gericht zu. Der Vorsitzende Richter sah sich mehrmals dazu genötigt, Ruhe anzumahnen. Die aufgeheizten Gemüter beruhig­ten sich aber erst, als er drohte, den Saal räumen zu lassen. Als am Ende der Verhandlung der Schwurgerichtsvorsitzende das To­desurteil gegen Berthold verkündete, gingen erneut die Emotio­nen hoch und es gab für das Gericht lang anhaltenden Beifall und Bravo-Rufe.

Johann, der Frauenheld

Es ist nicht die Geschichte der zwei Königskinder, die nicht zu­sammenkommen konnten. Nein, sie erzählt von zwei jungen Men­schen, die nach langen Jahren der Irrungen und Wirrungen zuein­ander, sich aber nicht fürs Leben fanden und deren schicksalhafte Verbindung zuletzt zum gewaltsamen Tod eines Kindes führte. Ein Tag im Spätherbst 1917. Der damals 25 Jahre alte Johann Berthold, Sohn eines wohlhabenden Metzgermeisters aus Burglen­genfeld, holte sein Fahrrad aus dem Geräteschuppen, um zu einem Viehhändler nach Loisnitz zu fahren. Mit diesem machte er in der letzten Zeit seine Geschäfte, denn von den Bauern in der Umge­bung, denen er vorher das Schlachtvieh abgekauft hatte, wurde er neuerdings gänzlich ignoriert. Je länger der Krieg dauerte, man befand sich bereits im dritten Kriegsjahr, desto mehr verübelten diese es ihm, dass er nicht auch Soldat war und an der Front kämpfte wie ihre Söhne, von denen schon einige gefallen waren. Er schämte sich, wenn ihn die Menschen scheel ansahen und hinter seinem Rücken tuschelten, was es wohl damit auf sich haben konnte, dass er nicht im Krieg sei. Und er ertrug kaum noch die hä­mischen Fragen, wie man es anstellen müsse, sich als junger Mann vom Militär drücken zu können, um stattdessen daheim ein sorgen­freies, flottes Leben zu führen.
Dabei hatte es nicht an ihm gelegen, dass er vom Militärdienst zurückgestellt worden war. Mehrmals war er drauf und dran gewesen, sich freiwillig zu melden. Sein Vater wusste dieses jedoch jedesmal mit der Drohung zu verhindern, ihn zu enterben, wenn er etwas gegen seinen Willen unternehme. Erst am Abend des Vortages hatten sich beide wieder heftig gestrit­ten, als Johann erneut von einer Freiwilligenmeldung sprach. Wü­tend fuhr der Vater ihn an: „Was meinst du, warum du nicht im Krieg bist? Weil ich an Sohn brauch als Nachfolger fürs mühsam aufgebaute Geschäft und koan toten Heldn. Soichane gibts inzwi­schen massenhaft. Deshalb hob i mit Hilfe einflussreicher Leut deine Zrückstellung vom Militärdienst erreicht. S'hod mi an Schöna Batzn Goid kost. Und hör ma guat zua, die Akten mit deine militärischen Erfassungsdaten liegn irgendwo in am Keller und vamodern dort. Fürs Militär existierst du nimmer. Es gibt dich nimmer." Das also war der Grund, er war zum Spielball korrupter, geldgieriger Beamter geworden. Berthold konnte es kaum fassen.
Vom Vater noch gegängelt zu werden, das war jetzt nicht mehr das dominante Problem. Die höhnischen, abwertenden Bemer­kungen und persönlichen Demütigungen durch Fronturlauber, die ihn als Feigling und Drückeberger brandmarkten, das lastete schwer auf seinem Gemüt. Gottlob waren die Frauen aufge­schlossener und für ihn zugänglicher. Er liebte sie, sie liebten ihn. Er brauchte nur mit den Fingern zu schnippen und sie hingen wie Fische an der Angel. Deshalb ging es ihm allen Widerwärtigkeiten zum Trotz ganz gut.
Diesen Gedanken nachhängend trat er fest in die Pedale und bog von der Hauptstraße ab in einen Feldweg, der nach Loisnitz führte. Aus einiger Entfernung sah er auf einem Acker eine arbei­tende Frauensperson, die ihn neugierig machte. Auf gleicher Höhe angekommen, stieg er vom Rad und sprach die Unbekannte an. „Bin i richtig aufm Weg nach Loisnitz?" Ohne sich umzuwenden und ohne die Arbeit zu unterbrechen, antwortete sie: „Ja, allweil grad aus, nachat kimmst direkt hin. Kannst dö gar nöd vafehln." Berthold war überrascht. Lange hatte er keine so zarte, angenehme Stimme mehr gehört. Da sie ihm den Rücken zugedreht hatte, ver­langte es ihn danach, ihr Gesicht zu sehen. Sich langsam heran­tastend, nannte er seinen Namen und woher er komme, und fragte sie umgekehrt dasselbe. „Warum wuistn dös wissn?", fragte sie etwas barsch zurück. „Na ja, i moan hoit man soit sö kenna lerna, wenn ma mitanander redt, und a oschaugn. Möchst nöd herlurn zu mir?" „Wennst as unbedingt wissn wuist, i bin d'Reindl Gertraud vo Loisnitz und zwoarazwanzg Jahr oid. Sonst no ebbas?" Sie hatte sich ihm zugewandt und das Kopftuch abgenommen. Ein paar Strähnen des langen blonden Haares fielen auf ihr verschwitz­tes Gesicht. Spitzbübisch lächelnd sah sie mit großen, dunklen Augen auf den fremden Burschen. „Warum starrstn mi gar so an?" Berthold wurde verlegen, fasste sich aber schnell und erwiderte: „Sakra, bist du a saubers Deandl. Mit dir möcht i gehn, dich mächat i heiratn." Laut lachte sie heraus: „Redst du oiwei so an Stuss daher, wennst vo oana wos wuist?" Gertraud Reindl meinte ihn durch­schaut zu haben und zu erraten, auf was er es anlegte.
Berthold glaubte, es treffe ihn eine Keule, als das Mädel plötzlich fragte: „Warum bistn du nöd a Soidat und ön Kriag wia andre? Du bist doch jung, stattlich und, wiari annimm, a gsund?" Schon wieder hatte sie ihn am Wickel, die verfluchte Frage nach Soldatentum und Krieg. Er durfte ihr doch nicht sagen, was sein Vater unternommen hatte, dass er freigestellt worden war. „I bin hoid vom Militär zruckgstoid worn. Warum, dös kann i nöd sagn." Berthold und Gertraud sprachen noch einige Zeit über belanglose Dinge miteinander, dann forderte sie ihn indirekt auf, weiterzufah­ren. „Mia müassn Schluss macha mit den Spassettln. I hob no aller­hand z'tuan, bis i mit da Arbat fertig bin." Abrupt drehte sie sich um und trieb die Harke fest in den Ackerboden. Einen Jux brauchte er sich nicht machen mit ihr. „Heiratn möcht er mi, sagt er. Dass i nöd lach. Mia kenna uns ja kaum." Berthold ließ sich nicht so ohne weiteres vertreiben. Er stellte nochmals die Heirats­frage. „Wennst moanst, probiern kanntmas ja." Das gab sie zur Antwort, nur um Ruhe zu bekommen. „Mir ist aber toternst damit. Oder hosd an Freind?" Johann Berthold ging aufs Ganze. Genau wollte er es wissen, denn Gertraud gefiel ihm. „Na, hob no nia oan ghod," gab sie missmutig zurück. Das stachelte Berthold an: „I bin a no frei. Und du wirst mei Metzgerin. D'Hand drauf, nachat gehnma ab sofort mitnander." Ein Handschlag besiegelte die Abmachung, der Gertraud keine Bedeutung beimaß. Bevor Berthold weiterradelte, verabredeten sie sich für den kommenden Sonntag auf dem Markt in Burglengenfeld.
Gertraud war pünktlich wie abgesprochen auf dem Markt. Berthold hingegen hatte die Verabredung längst vergessen. In Begleitung einer anderen Frauensperson ging er wortlos an der Reindl vorbei und tat, als kenne er sie nicht. „I hobs glei gspannt, dassa a Lump is. Besser glei dakennt, ois ön Dreck einitappt." Ent­täuscht, aber in der Gewissheit, einem Windhund nicht aufgeses­sen zu sein, machte sich Gertraud auf den Weg nach Hause. Das Kapitel Johann Berthold war für sie erledigt.

Ein "Wiedertreffen"

Drei Jahre später, an Kathrein 1920, war Gertraud Reindl auf einer Tanzmusik in Burglengenfeld. Ein gleichaltriger Bursche aus dem Heimatdorf hatte sie überredet, mit ihm zum Kathreintanz zu kommen. Bekanntlich heißt es: „Kathrein stellt den Tanz ein", da wollte sich Gertraud noch einmal richtig austoben und ordentlich amüsieren. „Andauernd nur werkeln und schuften muass'ma a grad nöd, man derf sö a amoi vergnügn und lustig sei", sagte sie zu ihrem Begleiter, einem guten und unermüdlichen Tänzer. Wie aus dem Boden gestampft stand plötzlich Berthold vor ihr.
Er hatte schon eine Zeit lang von seinem Tisch in der hintersten Ecke des Tanzbodens aus beobachtet, wie sie mit ihrem Tänzer schäkerte und turtelte. Fein herausgeputzt und für das Fest besonders hübsch zurechtgemacht, war Gertraud eine auffallende Schönheit. Eifersucht ergriff ihn. Dieses Mädel gönnte er keinem anderen. Beide tanzten miteinander. „Herrgottsakra, so wia du tanzt, dös is a wahre Pracht. No nia hob i so a wundervolle Tanzpartnerin ön Arm ghod." Berthold begann vor Aufregung zu schwitzen. Er musste sie für sich gewinnen, koste es was es wolle. Doch Gertraud blieb ihm gegenüber kühl und zurückhaltend. Als er sie nach der Polka an seinen Tisch mitnehmen wollte, lehnte sie ab, ebenso das Ansinnen, mit ihm endlich eine gemeinsame Verbindung einzuge­hen. Geringschätzig fragte er noch: „Wos hosdn da für an Bauern­stutzer bei dir? Habts wos mitnander?" Zornig fuhr Gertraud ihn an: „Wos geht dich dös an. Bin i dir ebba Rechenschaft darüber schuidi, mit wem i geh und wos i tua? Er is wenigstens koa Bazi wia du. Er hoit, wos a vaspricht. Du aba nöd."
Sie zielte auf sein damaliges Verhalten am Markt in Burglengenfeld ab. Im Frühjahr 1921, fast ein halbes Jahr nach der Begegnung beim Kathreintanz, führte der Zufall Gertraud Reindl und Johann Berthold auf der Steinernen Brücke in Regensburg abermals zu­sammen. Sie war nach einem Arztbesuch auf dem Heimweg nach Loisnitz, er war wie so oft geschäftlich mit dem Fahrrad unter­wegs. „Gertraud, i wui di heiratn. Renn nöd glei wieda vor mia davo", flehte er sie an. „I bring di nimmer aus meim Schädl außi. Sag endli ja." Trocken und sachlich fiel die Antwort aus: „I werd mas überlegn." Ohne sich auf einen weiteren Disput einzulassen, ging Gertraud ihres Weges. „Mit diesem Menschn hod ois koan Sinn. Er is a Vagabund und bleibt oaner." Mochte Gertraud weiter­hin so denken, im hintersten Winkel ihres Herzens hatte er den­noch ein Platzerl gefunden, seitdem sie zum ersten Mal mit ihm im Spätherbst 1917 gesprochen hatte. Und ob sie es wahrhaben wollte oder nicht: Er war eine imposante Erscheinung, dunkelhaarig und einen Kopf größer als sie. Es verwunderte sie nicht, dass die Frauen ihm hinterherliefen. „Der soi aber nöd glaubn, dass i a auf eam fliag." Wahrheitswidrig redete sie sich solches ein, denn in Wirk­lichkeit war sie verliebt in ihn und wollte gerne mit ihm zusammen sein.
Jetzt war ihr dieses glasklar geworden. Gertraud und Johann trafen sich im Sommer wieder. Es war auf ei­nem Tanzfest in Burglengenfeld. Diesmal ließ Berthold sie nicht mehr los, tanzte nur mit ihr und sprach abermals von Heirat. „Mia ghört jetzt d'Metzgerei alloa und i brauch dringend a Frau. Dich wui i hom und koa andre." Gertrauds Knie wurden weich. Hart­näckig war er, das musste sie ihm zugestehen. Aber war es ihm wirklich ernst mit dem Antrag? Gertraud schwankte zwischen Glauben und Zweifeln, sagte dann aber zu ihm: „Muasst scho d'Muatta bittn, dass'd mi heiratn derfst." Etwas konsterniert sah er sie an. „Warum dös? I hob no nia davo ghört, dass ma ebban fragn soi. I wui doch nöd d'Muatta, i wui s'Deandl heiratn." „Bei uns is dös so Brauch. Wennst mi hom wuist, muasst d'Muatta fragn. Ohne an Segn vo ihra tat i nöd ja sagn." Berthold schaute beleidigt drein, fasste sich dann aber. „Meinetwegn. Nachat kimm i hoid znachst bei enk vorbei." Als Gertraud nach Hause ging, kamen ihr wieder erhebliche Zweifel an Bertholds Rechtschaffenheit.

Der Heiratsantrag

Es dauerte bis August 1921, dann sprach Berthold mit Gertrauds Mutter. Diese hatte grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, ihm ihre Tochter zur Frau zu geben, stellte aber die Bedingung, dass auch seine Eltern einer Eheschließung zustimmen mussten. Nach der Abmachung mit Gertrauds Mutter galt eine baldige Verehelichung als beschlossen. Berthold erachtete es daraufhin als legitim, bei Gertraud den Beischlaf einzufordern. Immer noch zweifelnd darüber, ob nicht alles lediglich eine vorbedachte Finte seitens Bertholds sei, nur um sie besitzen zu können, erfand Ger­traud eine Ausrede nach der anderen, um das hinauszuzögern.
Gertraud war allein zu Hause, als Berthold unverhofft auftauchte. Die Gelegenheit nutzend, endlich ans Ziel seiner Begierde zu ge­langen, nahm er die in Liebesdingen noch Unerfahrene in seine kräftigen Arme und fing an, mit ihr zu schmusen. Als Berthold ihre vollen, runden Brüste betastete, fing sie an zu zittern und den Atem schien es ihr zu nehmen, als er seinen Mund auf ihren presste. Um sie herum begann alles zu schwanken und zu verschwin­den. Auf die Ottomane in der Wohnstube gedrängt, war es ihr unmöglich, auch nur den Kopf beiseite zu wenden. Als Gertraud sich eben dazu entschlossen hatte, ihn gewähren zu lassen, da ließ Berthold von ihr ab. „Warum zierstn dich so? Bist denn wirkh no a Jungfer?"
Schamhaft senkte sie den Kopf. „Ja, und i möchts bleibn bis zur Hochzeitsnacht." In Bertholds Augen lag lüsternes Verlan­gen. Dennoch gab er klein bei, meinte aber ziemlich erbost: „Du wuist zuawartn bis zur Hochzeitsnacht. I aber kauf koa Katz ön Sack." Gertraud hatte ihre Schwäche überwunden und blieb stand­haft. „Was dann, wennst dein Gspass ghabt hosd und mi dann sitzn lasst? Oder wenn i schwanger werat? Nachand stand i sauber da. Na, na. Muasst die Zeit scho abwartn könna. Schickst di hoid mitm Hochzeitmacha." Abermals kam es zur bitteren Trennung. Ger­traud weinte hemmungslos.
Berthold führte sein gewohntes Lotterleben weiter. Als er sich bei anderen Frauen ausgelebt hatte und ihrer überdrüssig gewor­den war, erinnerte er sich wieder an Gertraud. Es wollte ihm nicht in den Kopf hinein, dass er es nicht fertig gebracht hatte, sie herumzukriegen. Im Frühjahr 1922 wagte er bei Gertraud einen neuen Anlauf. Sein Besuch bei ihr war zwar nicht mehr erwartet, aber doch willkommen. Das lange Fernbleiben versuchte er mit hässlichen Lügen zu erklären. Weil sie es mit anderen Männern treibe, hätten die Leute schlecht über sie geredet und das sei auch seinen Eltern zu Ohren gekommen. „I derf dich nöd heiratn, weilst nix hosd und weilst a Luder bist, hod mei Muatta gsagt. Mia is dös aber egal, wos andre sagn. Du bist ma wichtig und i wui di endli hom." Gertraud fühlte sich geschmeichelt, glaubte seinen Lügen und ließ sich umgarnen. Noch in derselben Nacht durfte Berthold in ihre Kammer und sie schenkte ihm die so lange gehütete und verteidigte Jungfernschaft. Berthold aber hatte ihr dabei wehgetan. Behutsamkeit und Einfühlungsvermö­gen waren ihm in seiner Unersättlichkeit fremd. Gertraud ertrug die ihr zugefügten Schmerzen ohne zu jammern, fand diese Art der Vereinigung aber widerwärtig und abstoßend. Um ihn aber nicht mehr zu verlieren, erfüllte sie ihm seine sexuellen Wün­sche. Von nun an trafen sich die beiden oft - in Gertrauds Kam­mer oder im kleinen Wäldchen bei Birkhof -, und je öfter sie sich liebten, desto mehr fand auch Gertraud Gefallen daran.

Gertraud wird schwanger

Im Juni 1922 wurde Gertraud schwanger. Als sie dieses Berthold eröffnete, war seine zynische Antwort: „Dös geht mi nix o. Vo mir kann dös Kind nöd sein. Hosd as ja gnua mit andre triebn, wias d'Leit gsagt harn. Aba denkda nix. Treibst den Bankertn einfach ab. Du wirst as doch eisehng, dass i di nimmer heiratn kann. Ois angsehner Metzga und Gschäftsmo vo Burglengafoid kann i koa Eheweib nehme, die vo am andern an Schrazn hod." Für Gertraud brach eine Welt zusammen. „Du machst dirs aba einfach. Valangst vo mir, i soit abtreibn lassn. Obwoist woaßt, dass'd nur du da Vata vom Kind sein kannst. Nöd i hobs mit andre triebn, du hosd andre Weiber ghabt und i hobs dir vaziehn, weilst mei erste und mei große Liab bist. Du aba schämst di nöd, vo mir schlecht zredn. Sag, magst mi denn gar nöd?" Gertraud konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten, weinte bitterlich und kniete sich vor ihm nieder. Seine Beine fest umklammernd, als suche sie Halt, bettelte sie: „Lass mi nöd in der Schand sitzn, i bitt gar schö." Jetzt, wo sie die­sen Mann über alle Maßen und mit allen Fasern ihres Herzens liebte, sich so sehr darauf gefreut hatte, mit ihm und dem zu erwar­tenden Kind zusammen eine Familie zu begründen, jetzt zeigte er seinen wahren Charakter. Er war ein abgefeimter Schurke, der sie nicht mochte, nie gemocht hatte. Dem es lediglich darum gegangen war, sie rumzukriegen und zu entwürdigen. Sie beschloss, das Kind trotzdem zu bekommen.
Am 20. März 1923 setzten bei Gertraud die Wehen ein. Mehr als zwölf Stunden dauerte die Geburt, dann gab ein strammer Bub seinen ersten Laut von sich. Schwach, aber mit freudig glänzenden Augen sah sie auf das kleine Wesen, das sie eben geboren hatte. Wenn Berthold bloß da wäre und seinen Buben sehen könnte. Ger­trauds Gedanken kreisten um den Kindsvater, der sie so schmäh­lich hintergangen hatte, und, so schien es, jetzt gänzlich im Stich lassen werde.
Johann Berthold verweigerte die Anerkennung der Vaterschaft und zahlte zunächst keinen Unterhalt. Es kam zur gerichtlichen Vaterschaftsfeststellung und zur Zahlungsfestsetzung der Ali­mente. Berthold konnte sich der Alimenteverpflichtung nicht ent­ziehen, zahlte bis September 1923 die festgelegten Unterhalts­beträge und stellte danach jegliche Zuwendung ein. Bertholds Vater hatte ihm eine betuchte Bauerntochter zugedacht und gefordert, mit dieser alsbald in den Ehestand einzutreten. Ob der Sohn damit einverstanden war, eine Frau zu ehelichen, die er noch nie gesehen hatte, war unerheblich. Das einzig Wesentliche war, dass sich die Väter der angehenden Brautleute über die Mitgift einig geworden worden. Danach, ob die Betroffenen sich liebten und sich zugetan waren, wurde nicht gefragt. Mit der Liebe hatte es damals seine eigene Bewandtnis. Man schaute aufs „Sach", die Liebe war nicht so wichtig. Entweder man vertrug sich miteinan­der oder auch nicht.

Das Kind steht im Weg

Johann Berthold lehnte sich nicht auf gegen die Heiratspläne seines Vaters. Als er eines Tages mit dem Mädchen, das er ehelichen sollte, zusammentraf, war er von ihr angenehm überrascht. Sie hatte ein angenehmes Wesen, übte Zurückhaltung und zeigte Berthold so­gleich offene Zuneigung. Ihn aber interessierte in erster Linie ihr Geld. Und sie hatte viel Geld, das lockte. Einer baldigen Heirat mit dem reichen Mädchen standen aber sein Kind und die von der Kindsmutter eingeklagten Unterhaltszahlungen im Wege. Um die­ses unangenehme Problem zu lösen, musste etwas geschehen. Schwer in der Bredouille, reifte in Berthold der Entschluss, Alfred Reindl, seinen zwei Jahre alten Sohn, zu töten. Auf einen Schlag wäre er ein unerwünschtes Anhängsel und die Alimentenzahlung los. Um aber unverfänglich an das Kind heranzukommen, musste er mit Gertraud wieder in Verbindung treten.
Trotz seines gemeinen Verhaltens übte diese wiederum verzeihende Nachsicht, weil sie in ihrer gutgläubigen Einfalt noch immer damit rechnete, Berthold werde einlenken und sie heiraten. Hatten sie doch als verbindendes Faustpfand den gemeinsamen Sohn. Ger­traud versuchte, den Vater des Kindes enger an sich zu binden und einen allerletzten Bruch mit ihm zu vermeiden. Deshalb verwei­gerte sie sich nicht, als er mit ihr ins Bett steigen wollte. Sie nahmen ihre Liebesbeziehung wieder auf und trafen sich heimlich in ihrem vormaligen Liebesnest im Wäldchen bei Birkhof oder in Gertrauds Kammer. Nach einiger Zeit war Berthold das Heimlichtun aber leid. Er zog sich von Gertraud zurück und widmete seine Aufmerk­samkeit wieder ausschließlich seinem angehenden Eheweib. Berthold hatte zu seinem Kind keine Beziehung gefunden. Sobald er nach Loisnitz gekommen war, hängte sich der Knabe ängstlich an Mutters Rockzipfel oder lief zur Großmutter, die den Enkel ab­göttisch liebte und verhätschelte. In der vom Kind ihm gegenüber eingenommenen Abwehrhaltung sah Berthold das Hauptproblem bei der Ausführung seines grausamen Vorhabens. Er musste nur an den Buben herankommen und einige Zeit mit ihm alleine sein. Dazu brauchte er die Hilfe Gertrauds und er würde sich diese auf vorsichtige Weise verschaffen. Dass er das Kind auf eine Weise be­seitigen müsste, dass niemand auf Mord kam, darüber war er sich klar geworden. Nur wann und wo seine schreckliche Tat gesche­hen solle, diese Frage galt es noch abzuklären.

Der Mordplan reift

In der Ausführung seines Planes, das Kind Alfred umzubringen, ging er mit äußerster Überlegung und ruhiger, kaltblütiger Ver­standesmäßigkeit vor. Er vereinbarte mit Gertraud für Sonntag, den 7. Juni 1925, eine Zusammenkunft im Wäldchen bei Birkhof und bat sie darum, den Buben mitzubringen. Es sei an der Zeit, mit dem Kind in engere Verbindung zu kommen und das ließe sich ge­wiss eher draußen im Wald bewerkstelligen, als daheim in der Wohnstube. Ohne Argwohn und zuverlässig zur verabredeten Zeit war Gertraud zur Stelle. Als Berthold hinzukam, versteckte sich der Junge sogleich hinter dem Rücken der Mutter. Er ängstigte sich vor allen Leuten, die nicht ständig in seiner Nähe waren.
Berthold fasste das Kind an der Hand, steckte ihm Schokolade, Kekse und Bonbons zu und versuchte so Zugang zu dem Kleinen zu finden. Zärtlichkeit vorgaukelnd, strich er ihm übers Haar, nahm ihn auf den Arm und sagte zu Gertraud: „Damit der Fredl sich an mich gwöhnt, geh i mit eam a wengerl ön Woid eini. Mia kemma boid wieda zruck." Der Knabe wehrte sich zuerst, ließ sich dann aber doch in den Wald hineintragen, nachdem ihm Gertraud gut zugesprochen hatte. Sie setzte sich derweil ins Moos und war selig, dass Berthold endlich daran ging, sich um den Buben zu kümmern. Dieser indes trat mit dem Büblein in ein Gebüsch und presste dessen kleinen Körper gewaltsam so fest zusammen, dass ihm die Luft wegblieb. Als Berthold mit dem Kind zu Gertraud zurückkam, streckte es die Hände nach der Mutter aus und sagte weinend: „Papa mi fest drucka." Sie fragte: „Wos is los? Wos soi dös? Hosd am Kind wos getan?" Berthold lachte: „Da Bengl is hoid nöd gwohnt, dass man fest an sich druckt und lieb hod." Sie gab sich mit dieser Antwort zufrieden, säuberte den Kleinen und trat mit ihm den Heimweg an. Unterwegs musste sich der Junge übergeben und er klagte, die Hände auf die Brust legend: „Papa fest drucka, duad so weh."
Heimgekommen, zog Gertraud das Kind aus und stellte ein paar leichte Druckstellen auf dem Körper des Kindes fest. „Er wirdn vor Freud hoid a bisserl z'stark an sich druckt hom." Sie lächelte und Glück strahlte ihr aus den Augen. Anderntags erschien Berthold wieder bei Gertraud und erkundigte sich nach dem Befinden des Kindes. „Woast, dös gestern war no nöd s'Richtige gwen mit dem Bürscherl", sagte er. „Mia müassn uns do no öfter zammafindn, dass da Bua soiba zu mir hergeht." Sie verabredeten sich für den 11. Juni, den Fronleichnamsfeiertag, für dieselbe Zeit am gleichen Ort.
Gertraud war am Vormittag bei der Fronleichnamsprozession mit­gegangen und hatte zum Herrgott gebetet, er solle es richten, dass Berthold dem Buben ein guter Vater werde. Am Nachmittag fand sie sich mit dem Kind schon früher als abgemacht am Wäldchen ein und pflückte mit ihm ein paar Blumen, als Berthold ankam. Wie am vorausgegangen Sonntag suchte er durch geheucheltes Liebkosen und Scherzen das Vertrauen des Kleinen zu gewinnen. Fredl, wie sie ihn nannten, wehrte sich aber gegen jede Annäherung von Berthold mit den Worten: „Mama, nöd Papa gehn, Papa mi druckn." Da riss Berthold den Buben an sich, nahm ihn auf den Arm und sagte zur verdutzten Gertraud: „Mia genga wieda ön Woid eini. An Buam hods dortn s'letzt Moi guat gfoin. Brauchst um nixn bekümmert sein." Diesmal ging Berthold mit dem Kind tiefer in den Wald hinein und sah die Zeit gekommen, zur Tat zu schreiten.
Mit herzloser Grausamkeit machte er sich daran, das Le­ben des ihm im Wege stehenden Kindes auszulöschen. Als er glaubte, das blass und röchelnd auf dem Boden liegende Kind liege im Sterben, pfiff er und rief Gertraud herbei. Als die das Kind vor sich sah, schrie sie auf: „Wos is passiert? Sag, hosd eam wos getan?" Sie hob das geliebte Söhnchen auf und trug es zum nahen Birkhof, suchte dort Hilfe. In einen schockähnlichen Zustand gefallen, hatte sie nicht bemerkt, ein sterbendes Kind in den Armen gehalten zu haben. Ehe der herbeigerufene Arzt auf dem Birkhof eintraf, war der zweijährige Junge Alfred Reindl tot.
Berthold beteuerte, mit dem Kind auf dem Arm über eine Baumwurzel gestolpert und beim Sturz mit dem ganzen Körper auf das Kind gefallen zu sein. Bei dem Unfall müsse es sich die zum Tod führenden Verletzungen zugezogen haben. Dem Leichenschauer erschien diese Aussage fragwürdig und er veranlasste eine gerichtliche Leichenöffnung. Dem Gerichtsmediziner waren bei all den Obduktionen in seinen langen Berufsjahren noch nie so schwere innere Verletzungen un­tergekommen, wie sie diese Kindsleiche aufwies. Drei gebrochene Rippen, Milz und Bauchspeicheldrüse zerrissen, Rippen-, Lun­gen- und Zwerchfell ein- und der obere Dickdarmteil losgerissen, Magenwandung und gequetschte Nieren hatten eine tödliche Ver­blutung und Aussetzung der Organtätigkeiten bewirkt.
Diese Verletzungen konnten nie und nimmer von einem Unfall, wie ihn der Kindsvater geschildert hatte, herrühren. Johann Berthold war in den Verdacht geraten, Verursacher des Kindstodes gewesen zu sein. Gertraud fiel es wie Schuppen von den Augen, als sie daran dachte, was das Kind auf dem Heimweg am vergangenen Sonntag zu ihr gesagt hatte. Jetzt stand für sie fest, schon da hatte Berthold versucht, das Kind zu töten, erst jetzt, am 11. Juni, war ihm dies gelungen. Sie wusste auch, warum er es getan hatte: Das Kind und die Unterhaltszahlungen standen seiner be­vorstehenden Heirat im Wege. Gertraud sagte ihm dieses auf den Kopf zu und gab es bei der Gendarmerie auch zur Niederschrift. Berthold wurde wegen Mordverdachts festgenommen.

Das Verbrechen wird gesühnt

Lange leugnete Berthold, Hand an das Kind gelegt zu haben. Als ihm seine Unfallversion vom gerichtlichen Sachverständigen widerlegt wurde, gestand er: „Ja, es ist richtig. Ich habe das Kind
getötet, weil es meinen Heiratsplänen im Wege stand. Nachdem ich mit dem Buben im Wald drinnen war, legte ich ihn mit dem Rücken auf den Waldboden, drückte, presste und walkte ihn mit Händen, Füßen, Ellbogen und den Knien circa eine Viertelstunde lang, bis ich annehmen durfte, er sei tot. Dann rief ich seine Mutter und sagte ihr, dass ich mit dem Kind einen Unfall hatte." In der Hauptverhandlung widerrief er zunächst sein Geständnis und erdreistete sich zur Behauptung, die eigene Mutter habe dem Kind die tödlichen Verletzungen zugefügt, weil es ihr ein Klotz am Bein und hinderlich gewesen sei, ihrem unsoliden Lebenswandel zu frönen. Diese Aussage wertete das Gericht als törichte Schutz­behauptung, denn durch Zeugenaussagen war nachgewiesen, dass Gertraud Reindl außer mit Berthold keine weitere Intimbeziehung gehabt hatte. Und, fragte der Gerichtsvorsitzende, warum sollte eine Mutter das Produkt einer Leidenschaft, das es aufopfernd gepflegt und behütet hatte, töten, um ihr eigenes junges Leben zu zerstören?
Bertholds Anwalt baute seine Verteidigung darauf auf, sein Man­dant habe die Tat in einem hysterischen Anfall im Affekt begangen. Es könne deshalb nur Totschlag, nicht aber Mord vorliegen. Das Gericht widersprach dem und führte wörtlich aus: „Hätte der An­geklagte in einer plötzlichen Aufwallung das Kind erstochen, er­schossen, in einen Fluss geworfen, auf einem Felsen gesteinigt oder dergleichen, hätte bei entsprechender Sachlage unter Umständen eine Affekthandlung in Frage kommen können. Die Ausführungs­art der Tötung - ein auf tierische Weise langsames zu Tode quälen unter möglichster Vermeidung aller äußeren zur etwaigen Ent­deckung führenden Merkmale, konnte nur mit ruhiger Überle­gung und mit kaltem Blute vorgenommen werden. Ein Erregungs­zustand wäre längst verraucht gewesen. Die „Probe" vom Sonntag zuvor, das Herauslocken des Kindes, die ganze Inszenierung trägt die Spuren ruhiger Abwägung und kalter Berechnung nicht nur bei der Entschlussfassung, sondern auch im Zeitpunkt der Tataus­führung, die in ihrer nicht zu übertreffenden Perversion an dem Ort geschah, wo das Kind gezeugt worden ist." Das Schwurgericht beim Landgericht Regensburg, besetzt mit drei Berufsrichtern und sechs Geschworenen, diese zusammengesetzt aus Bürgern von Regensburg, verurteilte in der Sitzung am Mitt­woch, dem 7. Oktober 1925, den am 3. Dezember 1892 in Burglen­genfeld geborenen ledigen Metzger Johann Berthold wegen Mor­des zur Todesstrafe.
Die vom Strafverteidiger am 13. Oktober 1925 beim Reichsgericht in Leipzig eingelegte Revision wurde am 17. November als unbe­gründet verworfen, ein Gnadengesuch an den Bayerischen Minis­terrat wurde am 21. Dezember 1925 abgelehnt. Damit war das Todesurteil rechtskräftig.
Die Staatsanwaltschaft Regensburg ließ am 22. Dezember 1925 über die Gendarmeriestation Burglengenfeld bei den Angehörigen Bertholds anfragen, ob diese nach der Hinrichtung den Leichnam zu einer einfachen und ohne Feierlichkeiten vorzunehmenden Beerdigung haben wollten. Daraufhin berichtete die Gendarmerie wörtlich:
„Der Vater des Verurteilten gab bei der Befragung an, die Hohen Herren, die seinen Sohn dieses Kindes wegen zum Tode verurteilt haben, können mit dem Leichnam machen, was sie wollen. Sie können ihn seinetwegen auch fressen. Er verweigerte jede Unter­schrift über die Verwendung des Leichnams. Die Mutter des Ver­urteilten dagegen unterschrieb eine Erklärung (diese liegt an), dass sie den Leichnam ihres Sohnes zu einer einfachen, ohne Feierlich­keiten vorzunehmenden Beerdigung ausgehändigt haben will. Außerdem hegte die Mutter den Wunsch, die Vollstreckung möge erst nach den Weihnachtsfeiertagen geschehen."
Dem Wunsche wurde entsprochen, die Hinrichtung erfolgte am 29. Dezember 1925, früh um 7.35 Uhr, im Hofe des Landgerichts­gefängnisses Regensburg durch den Nachrichter Johann Reichhart mit dem Fallbeil. Der Urteilsvollstreckung durften neben dem Ge­richtspersonal zwölf vom Regensburger Stadtrat bestimmte Bür­ger aus öffentlichen Amtern, Behörden und verschiedenen Berufs­zweigen sowie ein vom Stadtpfarramt St. Emmeram in Regensburg abgeordneter Geistlicher beiwohnen.

Quellen: Verurteilt und hingerichtet (von Johann Dachs) Ausgabe 2000 – S. 88 – ISBN 3-931904-72-5

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